X. Die Genossenschaften und der Krieg 507
man glaubte, durch die Konsumvereine die Konsumtion, und auf dem Wege
über die Konsumtion die Produktion regeln zu können. Beides, Wettbewerb
wie letztes Ziel der Konsumvereine, ist außerordentlich überschätzt worden.
Soweit der Konsumverein kaufmännische und wirtschaftliche Vorteile in
sich schließt, wird er sich trotz aller Gegnerschaft durchsetzen. Es ist daher
für den Kleinhandelsstand richtiger, mit dem Vorhandensein der Konsum-
vereine zu rechnen und aus ihren Vorzügen zu lernen. Mit Recht führte
der Reichstagsabgeordnete Irl auf dem Außerordentlichen Bayerischen
Handwerks- und Gewerbekammertag zu München am 14. Mai 1916 aus,
als er auf die Beamtenkonsumvereine zu sprechen kam: „Wir müssen damit
rechnen, daß diese Bewegung da ist und immer weitere Kreise zieht. Und
das ist nicht nur in Norddeutschland, auch bei uns in Bayern wird das Streben
nach den Beamtenwirtschaftsvereinigungen immer stärker. Daran werden
alle Beschlüsse in den Gemeindekollegien der bayerischen Städte auf die
Dauer nicht viel ändern. Viel wirksamer wäre es, wenn der kaufmännische
Mittelstand sich genossenschaftlich organisieren würde, um den Konsum-
vereinen praktische Vorteile bieten zu können.“
In der Beurteilung der Konsumvereine hat der Krieg eine erhebliche
Änderung hervorgerufen; ihre Vorzüge sind während des Krieges schärfer
hervorgetreten. Die Schwierigkeiten auf dem Gebiete des Wirtschaftskrieges
liegen in der Beschaffung, namentlich aber der Verteilung der Gegen-
stände des täglichen Lebensmittelbedarfs. Um eine geregelte, gleichmäßige
Verteilung sicherzustellen, bedarf es einer Organisation, die durchgeführt
ist bis zum letzten Verbraucher. Eine solche Organisation, die z. B. in den
Kundenlisten für die Kleingeschäfte erst geschaffen werden mußte, war
bei den Konsumvereinen von Anfang an vorhanden oder ergab sich von selbst.
Der aufmerksame Beobachter der Durchführung der Lebensmittelver-
sorgung der großen Masse konnte schon frühzeitig feststellen, daß sie sich gerade
bei den Konsumvereinen leicht und mit verhältnismäßig wenig Störungen
vollzog. Die Konsumvereine haben schon bald nach Kriegsbeginn und noch
ehe an die allgemeine Einführung des Kartensystems gedacht wurde, solche
Karten z. B. für Petroleum, Kartoffeln, Mehl, Brot, Hülsenfrüchte usw.
eingeführt. Auch heute geben viele Vereine weiter in der Organisierung
als die Behörden vorschreiben. So ist z. B. bei manchen Vereinen eine
allgemeine Lebensmittelkarte eingeführt, die es gestattet, daß die gesamten
Vorräte, die nur in beschränktem Umfange vorhanden sind, unter die sämt-
lichen Mitglieder gleichmäßig verteilt werden, so daß das „Hamstern“" ver-
hindert wird. Ähnlich ist es auch mit der Preisgestaltung. Die Konsum-
vereine verkaufen zum Tagespreise, gewähren aber den Reingewinn den Mit-
gliedern in Gestalt einer Rückvergütung auf die bezogenen Waren. Als nach
Kriegsbeginn eine Preissteigerung der Waren einsetzte, haben die Konsum-
vereine, solange es irgend möglich war, diese Steigerung nicht mitgemacht.
Es kann den Konsumvereinen die Anerkennung nicht versagt werden,
daß sie während des Krieges im Dienste der Lebensmittelversorgung viel
geleistet und auf die Haltung der hinter ihnen stehenden Massen einen
günstigen Einfluß ausgeübt haben. Der Bedeutung und Wirksamkeit der
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