Vortrag des Lyrischen. 143
eigentümliche Tonfarbe. Er ist dumpf, schwer, hart und
warm. Etwas Unheimliches, Lauerndes, Grollendes liegt in
ihm. Eigentümlich ist ihm auch das Knirschen, das Aufeinanderbeißen
der Zähne, wodurch ein eigenes Quetschen des
Klanges hervorgebracht wird. Für den Grimm ist daher der
Ausdruck „verbissene Wut“ sehr bezeichnend.
§ 66. Hier sind noch zu erwähnen die Gemütsstimmungen
des Grolls, des Hasses, der Feindseligkeit, der
Nache, der Tücke.
Haß, Feindseligkeit, Rachsucht sind Gemütseigenschaften,
die einer Erregung bedürfen um sich zu äußern. Sie
thun dies dann je nach dem Charakter, dem Temperament, dem
sittlichen Standpunkte in Zorn, Wut, Grimm, Tücke, Grollen.
Das Grollen äyßert sich in schwerer und dumpfer Tonart,
gedämpfter Tonstärke, scharfer Accentuation der einzelnen
Wörter. Das Wort „grollen“ versinnlicht, in seinem Laut die
Tonfarbe des Grolls.
Die Tücke ist lauernd. Das Lauern läßt die Tonsenkung
am Schlusse der Sätze nur unvollkommen eintreten, es
spricht langsam, gedämpft, weilt gern auf den betonten Silben
und einzelnen Wörtern und hat einen Anflug von hämisch.
Hämisch ist die Schadenfreude. Der Ausdruck ist breit, hell,
equetscht, nicht laut. Das Wort „hämisch“ versinnlicht in
seinem aut etwas diese Tonfarbe.
§ 67. Zu erwähnen sind hier noch Neid, Schelsucht,
Mißtrauen, Geiz, Habsucht.
Neid und Schelsucht sprechen sich giftig aus. Die
Tonfarbe ist spitz, hart und warm, nicht laut, etwas
gequetscht und läßt gern den Atem etwas stark hauchend hören.
Mißtrauen und Argwohn äußern sich lauernd, haben
etwas Zweifelndes, Fragendes im Tone, der Redefluß ist
zögernd, die Tonstärke unbedeutend.
Geiz und Habsucht äußern sich manchmal wie Neid
und Schelsucht, oder auch in der Tonfarbe der Gier. Diese
ist hastig, lebhaft, hell und hat ein eigentümliches starkes
Hauchen.
§ 68. Verwunderung, Staunen, Schrecken sind
Gemütsbewegungen. Verwunderung und Staunen empfindet
man über etwas Unerwartetes oder besonders Merkwürdiges.
Sie äußern sich in langsamerem Zeitmaß, in einem eigentümlichen,
der Frage sich nähernden Heben des Tones, zwischen hell und
dumpf, etwa in a. Etwas Dehnung der Vokale ist dieser Ton-