Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Bulgarien.  (März  22.  —  Ende.)  465

Schrittes  bei  der  Regentschaft  auch  dann  unterstützen  wenn  die  übrigen  nicht
beistimmten.  Der  deutsche  und  österreichische  Vertreter  erklären,  sich  der
Mehrheit  anschließen  zu  wollen,  sie  sähen  aber  keinen  praktischen  Erfolg
voraus;  der  englische  und  italienische  lehnen  jede  Einmischung  in  diese  innere
  bulgarische  Angelegenheit  ab.

22.  März.  Infolge  eines  Schreibens  Zankows  stellen  die
Zankowisten  die  Verhandlungen  mit  Riza  Bey  über  die
Versöhnung  mit  der  Regierung  ein.

25.  März  bzw.  Anf.  August.  In  dem  Prozesse  gegen  die  Unruhestifter
  bei  den  Wahlen  in  Dubnitza  (vgl.  Gesch.  Kal.  1886
X.  10.—16.)  werden  vom  Kriegsgericht  zu  Radomir  von  den  74
Angeklagten  5  zum  Tode,  30  zu  15  Jahren  Kerkers,  31  zu  geringeren
Strafen  verurteilt,  8  freigesprochen.  Das  Sofiaer  Appelgericht  bestätigt
  Anfang  August  die  verhängten  Todesstrafen.

26.  März—April.  Der  „Patriotische  Bund“  von  Orchanie
ersucht  die  Regenten  telegraphisch,  für  die  schleunige  Rückkehr  des
Fürsten  Alexander  zu  wirken,  den  sie  allein  als  rechtmäßigen
Fürsten  anerkennen  und  für  den  sie  alles  zu  opfern  bereit  sei.

In  ganz  Bulgarien  wächst  die  Bewegung  zu  Gunsten  der  Rückberufung
  des  Fürsten.  Mehrere  der  Patriotenbünde  nehmen  den  Wahlspruch:
„Bulgarien  für  sich  mit  dem  Fürsten  Alexander“  an.  Man  erklärt  dieselbe
für  das  einzige  Mittel,  die  im  Heere  bemerkbare  Teilung  der  Meinungen
und  daraus  entstandenen  Zwistigkeiten  rechtzeitig  zu  dämpfen.  An  seinem
Geburtstage  (5.  April)  erhält  der  Prinz  von  allen  Städten,  Patriotenbünden
und  fast  allen  Offizieren  Glückwunschtelegramme.  Die  Regierung  verhindert
an  diesem  Tage  alle  offiziellen  Festlichkeiten  und  Demonstrationen,  welche
die  Ausrufung  Gesamtbulgariens  zum  Königreiche  mit  Alexander  an  der
Spitze  beabsichtigen.

Ende  März.  (Reise  Stoilows  nach  Wien.)  Justizminister
Stoilow  reist  zu  mehrlägigem  Aufenthalte  nach  Wien  (vgl.  Oesterreich
  Anf.  April).  Derselbe  war  kurz  zuvor  aus  Konstantinopel
eingetroffen.

Die  „Daily  News“  meldet  am  31.  über  den  Zweck  der  Reise.  Dieselbe
  sei  eine  Orientierungs-Reise,  hauptsächlich  zu  dem  Zwecke,  Gewißheit
darüber  zu  erlangen,  ob  Abmachungen  bezüglich  Bulgariens  zwischen  Oesterreich
  und  Rußland  bestehen  und  welche  Tragweite  diese  eventuellen  Abmachungen
  mit  Bezug  auf  die  Zukunft  Bulgariens  haben.  Weiters  wird
Herr  Stoilow  jenen  Staatsmännern,  die  er  zu  sprechen  Gelegenheit  haben
sollte,  auseinandersefen,  daß  es  der  bulgarischen  Regierung  unmöglich  sei,
dem  Rate  gewisser  Mächte,  ruhig  zuzuwarten  und  nichts  zu  unternehmen,
zu  entsprechen.  Die  Regierung  von  Sofia  sei  angesichts  der  Stimmung  des
Landes  gezwungen,  die  Sobranje  baldigst  einzuberufen  und  ihr  eine  Lösung
vorzuschlagen.  Die  Tendenzen  der  Regierung  gehen  dahin,  von  der  Sobranje
eine  Erstreckung  der  Vollmachten  der  Regenten  auf  drei  Jahre  zu  verlangen.
Sollte  es  aber  nicht  möglich  sein,  die  Zustimmung  der  Mächte  hiezu  zu
erlangen,  so  müßte  man  zur  definitiven  Wahl  eines  Fürsten  schreiten.  Diese
Lösung  würde  aber  in  Bulgarien  selbst  den  größten  Schwierigkeiten  begegnen,

Europ  Geschichtskalender.  XXVII.  Bd.  30