Bulgarien. (März 22. — Ende.) 465
Schrittes bei der Regentschaft auch dann unterstützen wenn die übrigen nicht
beistimmten. Der deutsche und österreichische Vertreter erklären, sich der
Mehrheit anschließen zu wollen, sie sähen aber keinen praktischen Erfolg
voraus; der englische und italienische lehnen jede Einmischung in diese innere
bulgarische Angelegenheit ab.
22. März. Infolge eines Schreibens Zankows stellen die
Zankowisten die Verhandlungen mit Riza Bey über die
Versöhnung mit der Regierung ein.
25. März bzw. Anf. August. In dem Prozesse gegen die Unruhestifter
bei den Wahlen in Dubnitza (vgl. Gesch. Kal. 1886
X. 10.—16.) werden vom Kriegsgericht zu Radomir von den 74
Angeklagten 5 zum Tode, 30 zu 15 Jahren Kerkers, 31 zu geringeren
Strafen verurteilt, 8 freigesprochen. Das Sofiaer Appelgericht bestätigt
Anfang August die verhängten Todesstrafen.
26. März—April. Der „Patriotische Bund“ von Orchanie
ersucht die Regenten telegraphisch, für die schleunige Rückkehr des
Fürsten Alexander zu wirken, den sie allein als rechtmäßigen
Fürsten anerkennen und für den sie alles zu opfern bereit sei.
In ganz Bulgarien wächst die Bewegung zu Gunsten der Rückberufung
des Fürsten. Mehrere der Patriotenbünde nehmen den Wahlspruch:
„Bulgarien für sich mit dem Fürsten Alexander“ an. Man erklärt dieselbe
für das einzige Mittel, die im Heere bemerkbare Teilung der Meinungen
und daraus entstandenen Zwistigkeiten rechtzeitig zu dämpfen. An seinem
Geburtstage (5. April) erhält der Prinz von allen Städten, Patriotenbünden
und fast allen Offizieren Glückwunschtelegramme. Die Regierung verhindert
an diesem Tage alle offiziellen Festlichkeiten und Demonstrationen, welche
die Ausrufung Gesamtbulgariens zum Königreiche mit Alexander an der
Spitze beabsichtigen.
Ende März. (Reise Stoilows nach Wien.) Justizminister
Stoilow reist zu mehrlägigem Aufenthalte nach Wien (vgl. Oesterreich
Anf. April). Derselbe war kurz zuvor aus Konstantinopel
eingetroffen.
Die „Daily News“ meldet am 31. über den Zweck der Reise. Dieselbe
sei eine Orientierungs-Reise, hauptsächlich zu dem Zwecke, Gewißheit
darüber zu erlangen, ob Abmachungen bezüglich Bulgariens zwischen Oesterreich
und Rußland bestehen und welche Tragweite diese eventuellen Abmachungen
mit Bezug auf die Zukunft Bulgariens haben. Weiters wird
Herr Stoilow jenen Staatsmännern, die er zu sprechen Gelegenheit haben
sollte, auseinandersefen, daß es der bulgarischen Regierung unmöglich sei,
dem Rate gewisser Mächte, ruhig zuzuwarten und nichts zu unternehmen,
zu entsprechen. Die Regierung von Sofia sei angesichts der Stimmung des
Landes gezwungen, die Sobranje baldigst einzuberufen und ihr eine Lösung
vorzuschlagen. Die Tendenzen der Regierung gehen dahin, von der Sobranje
eine Erstreckung der Vollmachten der Regenten auf drei Jahre zu verlangen.
Sollte es aber nicht möglich sein, die Zustimmung der Mächte hiezu zu
erlangen, so müßte man zur definitiven Wahl eines Fürsten schreiten. Diese
Lösung würde aber in Bulgarien selbst den größten Schwierigkeiten begegnen,
Europ Geschichtskalender. XXVII. Bd. 30