30 Aus der Vorgeschichte des Krieges
Dieses Urteil wurde schon vor der Entwicklung der nächstfolgenden
Monate wieder umgestoßen. In welchem Maße die Politik ein flüssiges
Element ist, dos nur selten in festen Aggregatzustand Übergeht — das
Wort ist von Bismarck —, hat der Verlauf der Vorkrisen des europäischen
Krieges in rascher Folge bewiesen. Die Aufhellung der europeischen
Lage, die durch die stärkere Verteilung der Intkeressen in den europäischen
Bündnissystemen zum Ausdruck gelangte, währte nur bis in den März 1911.
Da verschlimmerte sich plötzlich wieder der Zustand Europas infolge des
Vorgehens Frankreichs in Marokko. Der frahzösische Ministerrat be.
schlop am 14. März, einem Hilfegesuch Sultan Muley Hafids, der in Fez
von aufrührerischen Bergstämmen belagert wurde, nachzukommen und den
Marsch nach der maurischen Hauptstadt anzutreten. Am 21. Mai rückte
General Moinier mit starker Macht in Fez ein. Die .Pénétration pacificque“
war militärisch vollendet worden.
Da der Sultan die Franzosen „gerufen“ hatte, war der Buchstabe der
Algecirasakte unwerleht, demzufolge die Souveränikät des Sultans Muley
Hafid unangetastek und das Staatsgebiek des Scherifiats Marokko unversehrt
bleiben sollte. Der souveräne Sulkan hatte das Recht wahrgenommen,
französische Hilfe zu fordern, und — erhalten. Was war dagegen
einzuwenden? Aber das Spiel war zu durchsichtig, um nicht durchschaut
zu werden. Spanien zog aus diesem Vorgang zuerst die Folgerung und
beseczte auf Grund der ihm gewährten Verträge Larasch und El. Ksar und
sicherte dadurch seinen Teil an der Beute.
Deutschland glaubte durch eine skarke Gebärde, hinter der die Macht
des AReiches sichtbar wurde, seinen Einspruch gegen die Aufkeilung des
Landes und die Berlethung der Algecirasakte kundeun zu müssen und sandte
ein Kriegsschiff nach Agadir. Kaum erschien die deutsche Kriegsflagge als
Warnzeichen auf dem Meere, da fuhr England aus der Ruhe. Es muß
damals etwas von dem alten britischen Machtbewußtsein aufgeweckt worden
sein, das sich in dem bekannten Spruch ausgeprägt hat: Auf dem Meere
darf ohne Englands Erlaubnis keine Kanone abgefeuert werden. Zwar hatte
der „Panther“ nicht geschossen, auch keine Landung oder Besitzergreifung vorgenommen,
aber die „Geste“ hatte stärker gewirkt und härter getroffen als die
schärfste Forderung. Auch in Paris erhob sich ein Sturm der Leidenschaft.
Vom Juli bis in den September 1911 lag der europäische Krieg auf
der Lauer, skanden die Pferde unterm Sattel, die Panzerschiffe unter Dampf.
England batte keinen Zweifel darüber gelassen, daß es bereit sei, zu schlagen;
am 21. Juli prägte Grey das Wort von den „.unannehmbaren Forderungen
Deutschlands“, sprach der Schagkanzler Lloyd George im Mansion Housec
davon, daß England eine Behandlung nicht zulassen könne, bei der die
Lebensinteressen des englischen Volkes in einer Weise verletzt würden, als
ob England kein Gewicht im Rate der Bölker mehr hätte.