Full text : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

Entlassung.  —  Weitere  Tätigkeit  75

machte,  sondern  den  Krieg  weiter  führte.  Im  Gefolge  Alexanders
kam  der  Freiherr  vom  Stein  nach  Preußen  zurück;  als  durch  Yorcks
Tat  bei  Tauroggen  Preußen  sich  in  die  Reihe  der  Feinde  Frankreichs
gestellt  hatte,  wurde  Stein  der  Auftrag,  in  Ost=  und  Westpreußen
den  Krieg  zu  organisieren,  eine  Aufgabe,  der  er  auf  das  trefflichste
nachkommen  konnte,  da  er  ja  selbst  den  Widerstand  dort  vorbereitet
hatte  und  die  Hilfsmittel  dieser  Länder  genauest  kannte.  Als  Vertreter
  des  Zaren  wurde  er  dann  zum  Könige  Friedrich  Wilhelm  III.
nach  Breslau  gesandt,  um  den  zaghaften  König  zu  energischem
Handeln  anzufeuern.  Hier  erkrankte  er  schwer.  Nachdem  endlich  der
Krieg  gegen  Napoleon  eine  günstige  Wendung  für  die  Alliierten
genommen  hatte  und  die  Rheinbundfürsten  jetzt  für  ihr  früheres
Bündnis  mit  Frankreich  büßen  mußten,  wurde  ein  Zentral-Verwaltungsrat
  für  die  in  Deutschland  okkupierten  Länder  eingerichtet  und
an  dessen  Spitze  Stein  nach  seiner  Genesung  berufen.  Man  nannte
ihn  scherzweise  den  König  von  Deutschland.  Sein  Einfluß  in  allgemeinen
  Dingen  währte  aber  nur  so  lange,  bis  Österreich  und  damit
Metternich  in  den  Vordergrund  der  Ereignisse  traten.  Auch  bei  dem
Zaren  begann  der  Einfluß  des  Grafen  Nesselrode  den  Steins  zu
verdrängen.  Immerhin  wird  er  noch  bei  der  Neueinrichtung  des  eroberten
  Sachsens,  dann  der  Großherzogtümer  Berg  und  Frankfurt,
endlich  des  linken  Rheinufers  und  Belgiens  verwendet  —  er  soll  da
die  deutschen  Fürsten  manchmal  recht  von  oben  herab  behandelt
haben  und  es  soll  seine  Ehrfurcht  vor  den  Großen  dieser  Welt,  ob
ihres  Wankelmuts  und  ihrer  Unzuverlässigkeit,  nicht  gerade  stärker
geworden  sein.  Am  Wiener  Kongreß  nahm  er  in  keiner  offiziellen
Stellung  teil,  wurde  aber  doch  noch  zuweilen  von  Preußen  und
Rußland  zu  Rate  gezogen.  Er  trat  entschieden  ein  für  die  vollständige
  Annexion  Sachsens  durch  Preußen,  dann  für  Teilung  des  Einflusses
  im  Reiche  zwischen  Österreich  und  Preußen  unter  Beibehaltung
  des  Kaisertitels  für  Österreich,  später  für  ein  Direktorium  der
fünf  größten  deutschen  Staaten.  Alle  diese  Ideen  drangen  nicht
durch.  Der  zweiten  Einnahme  von  Paris  nach  Napoleons  Rückkunft
von  Elba  hat  er  noch  beigewohnt,  ist  dann  aber  endgültig  aus  dem
öffentlichen  Dienste  geschieden.  Er  erhielt  als  Zeichen  der  Dankbarkeit
  seitens  der  Alliierten  das  Gut  Kappenberg  am  Rhein,  und  hier
hat  er  den  größten  Teil  der  Lebensfrist,  die  ihm  noch  beschieden  war,
zugebracht.  Im  Jahre  1817  hatte  er  das  Unglück,  auf  einem  Auge
zu  erblinden,  auch  das  Licht  des  zweiten  war  gefährdet,  so  daß  er  dadurch
  in  den  Studien  und  Arbeiten  seines  Alters  schwer  gehindert