Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

Göttinnen  und  Heldinnen.  87

in  tiefer  Ehrfurcht  nach.  Fröhliche  Tage  alsdann,  Feste
an  allen  Orten,  welche  die  Göttin  ihres  Besuchs  und
Aufenthalts  würdigt.  Kein  Krieg  wird  geführt,  jedes
Schwert  ist  in  der  Scheide,  Friede  und  Ruhe  wird  nur
dann  gekannt,  nur  dann  geliebt,  bis  derselbe  Priester  die
Göttin,  des  Umgangs  der  Sterblichen  satt,  dem  Heiligthume
  wiedergibt.“

Diese  civilisirende  Eigenschaft  der  großen  Göttermutter
  kehrt  dann  auch  in  ihren  göttlichen  Töchtern  wieder,
deren  Gestalten  freilich  aus  tausend  zerbröckelten  Zügen
in  Sagen  und  Märchen  nur  mühsam  und  unvollständig
zusammengesetzt  werden  können.  Alle  diese  deutschen
Göttinnen  sind  „hauptsächlich  gedacht  als  umziehende,
einkehrende  Göttermütter,  von  denen  das  menschliche
Geschlecht  die  Geschäfte  und  Künste  des  Haushalts  wie
des  Ackerbaus  erlernt:  spinnen,  weben,  säen  und  ernten“341).
  So  Frikka,  die  Gemahlin  Wodans,  also  nur
eine  mythologische  Verjüngung  der  Nerthus,  die  Spenderin
  des  Ehesegens;  so  Frouwa,  von  welcher  das  Wort
Frau  herkommt,  die  frohmachende  Göttin,  Verleiherin
von  Schönheit  und  Reiz,  welche  den  Männer  bestrickenden
Halsschmuck  Brisingamen  trug,  wie  die  griechische  Aphrodite
  den  Gürtel  der  Anmuth;  so  Holda,  die  Ordnerin  des
Haushalts,  die  Belohnerin  weiblichen  Fleißes  und  Bestraferin
  weiblichen  Unfleißes;  so  Perahta  (Perchta,
Berchta,  Bertha),  die  große  Schützerin  des  Ackerbaues,
welcher  der  Pflug  heilig  war  und  welche,  eben  als  Kultur-34)

  Grimm,  D.  Mythol.  Kap.  13.