Der Ausbau des Reiches. 537
zurück. Es war am Sonnabend, den 11. Mai, um 5½ Uhr nachmittags.
Da trat aus einem Thorwege, in dem er sich verborgen gehalten, als
der Wagen an dem russischen Botschafterhotel Unter den Linden vorüberfuhr,
hinter einem dort haltenden Privatfuhrwerk ein junger Mensch
hervor und feuerte, den Revolver mit dem rechten Arm weit vorstreckend,
auf etwa vier Schritt Entfernung einen Schuß auf den Kaiser ab. Ohne
zu treffen, ging die Kugel über den Kopf des Kaisers weg. Der Ceib—
kutscher hielt sofort die Pferde an, und der Jäger sprang vom Bock.
Unterdessen aber war der Mensch hinter dem Wagen herum auf die
andere Seite des Fahrdammes gelaufen und gab einen zweiten Schuß auf
den Kaiser ab, glücklicherweise wieder ohne zu treffen. Nun kroch er
unter der Eisenstange des Geländers des Mittelweges der Linden hindurch
und rannte nach dem Pariser Platze zu, von zahlreichen Personen ver—
folgt. Zweimal drehte er sich im Laufe um und schoß auf seine Ver—
folger, ohne zu treffen; dann warf er den Revolver, der noch zwei
Schüsse enthielt, fort, wurde aber bald eingeholt, niedergeschlagen und der
Dolizei übergeben, welche die größte Mühe hatte, ihn vor der gerechten
Empörung des Dolkes zu schützen. Der Verbrecher war der zwanzigjährige
Klempnergeselle Max Rödel aus Leipzig, der sich selbst als Anarchisten,
als Anhänger der extremsten Richtung der Sozialdemokratie, bezeichnete.
Einen Aufschrei des Abscheus rief die Kunde von dem grauenvollen
Mordversuche in dem ganzen Dolke hervor; aber gewaltiger bewegte
dennoch der heiße Dank gegen Gott aller Rerzen, daß er unversehrt den
teuren Berrscher seinem Dolke erhalten. „Es ist nun das dritte Mal“,
sagte Kaiser Wilhelm zu den ihn beglückwünschenden Ministern, „daß auf
mich geschossen worden. In der Teilnahme der Bevölkerung finde ich
aber Trost. Doch darf man solche Dinge in keiner Weise zu leicht nehmen.
Ich habe in der GSeit, als ich Mitglied des Staatsministeriums war, stets
auf die Gefahren hbingewiesen, welche sich aus der Geltendmachung der
damaligen staatsfeindlichen Richtungen ergeben müßten. Meine Befürchtungen
sind durch das Jahr 1848 leider bestätigt worden. Jetzt wiederum
und in erhöhtem Maße ist es Aufgabe der Regierung, dahin zu wirken,
daß revolutionäre Elemente nicht die Oberhand gewinnmen.“
Aus dem gleichen Gedanken gab Fürst Bismarck von Darzin aus,
wo er weilte, die Weisung, ohne Derzug ein Gesetz gegen die Sozialdemokratie
auszuarbeiten. In zwei Tagen war es fertig, wurde vom
Bundesrat genehmigt und am 20. Mai dem Reichstage vorgelegt. Allein
mit überwältigender Stimmenmehrhbeit lehnte dieser es am 24. Mai ab,
so daß der Kaiser noch an demselben Tage den Reichstag schließen ließ.