Full text : Europäischer Geschichtskalender. Chronik und geschichtlicher Überblick der denkwürdigen Jahre 1870 und 1871. Zweiter Band. (11a)

528  Uebersicht  der  Ereignisse  des  Zahres  1871.

Dienste  eines  freigesinnten  Culturvolks  geschickt  macht,  die  energische  Handhabung
  der  Macht,  die  in  der  deutschen  Schule  und  der  deutschen  Geistesbildung
  liegt  und  darum  war  begreiflich  genug,  daß  bei  der  Debatte  über
die  Verwaltung  des  neuen  Reichslandes  Elsaß-Lothringen  in  dieser
Frage  die  Gegensätze  scharf  auf  einander  platzten.

Am  10.  Mai  hatte  Fürst  Bismarck  zu  Frankfurt  den  Definitivfrieden
mit  Frankreich  unterzeichnet.  Vierzehn  Tage  später  kam  das  Gesetz  über  die
kostbarste  Frucht  dieses  Krieges,  die  wiedereroberten  Lande  unserer  alten
Westmark  zum  Abschluß.  Gleich  nach  den  ersten  Siegen  im  August  1870
hatte  die  deutsche  Presse  als  einmüthigen  Willen  der  Nation  den  Satz  ausgesprochen:
  kein  Friedensschluß,  der  nicht  die  von  Ludwig  XIV.  geraubten
Provinzen  dem  alten  Mutterlande  zurückgibt.  Eben  so  einmüthig  war  das
Vertrauen,  das  die  Staatskunst  des  Fürsten  Bismarck  glänzend  rechtfertigen
sollte.  Sehr  befremdend  dagegen  wirkte  die  erste  Nachricht,  daß  beabsichtigt
werde,  in  den  neuen  Provinzen  ein  „Reichsland“  zu  schaffen,  von  dessen
Einrichtung  sich  Niemand  ein  klares  Bild  machen  konnte.  Eine  große  Anzahl
der  besten  Patrioten  hat  damals  gemeint,  die  einfache  Einverleibung  in  den
preußischen  Staat  würde,  im  Interesse  Deutschlands  und  Elsaß-Lothringens
selber,  das  Beste  sein.  Mit  dem  „Reichsland“  söhnte  man  sich  erst  aus,
als  vollkommen  feststand,  daß  nur  um  diesen  Preis  die  Untheilbarkeit  der
beiden  Lande  gegen  Gebietsansprüche  Bayerns  durchzusetzen  gewesen  war  und
als  man  in  der  Haltung  des  katholischen  Clerus  von  Elsaß-Lothringen  einen
Gegner  kennen  lernte,  von  dem  so  viel  sicher  war,  daß  er  in  der  Nichtung
des  Cultusministers  v.  Mühler  ein  ausreichendes  Gegengewicht  nicht  finden
werde.  Das  Ergebniß  der  Reichstagsdebatten  vom  Ende  Mai  und  Anfang
Juni  war  die  Einigung  über  ein  Provisorium,  dessen  Ende  nach  einem
rasch  ausgeglichenem  Mißverständniß  mit  dem  Fürsten  Reichskanzler  auf  den
1.  Januar  1873  angesetzt  ward.  Bis  zu  diesem  Zeitpunkt,  mit  dem  die
Großjährigkeit  der  neuen  Landsleute  als  vollberechtigter  Bürger  des  deutschen
Reichs  beginnt,  bleibt  das  Reichsland  unter  der  Dictatur  des  Kaisers  und
des  Bundesraths,  von  deren  Verfügungen  aber  auch  während  dieser  Zeit
der  Reichstag  von  Amtswegen  Kenntniß  zu  nehmen  das  Recht  hat.  In  der
Verhandlung  fehlte  es  nicht  an  gutgemeinten  und  theilweise  echt  staatsmännischen
  Winken  für  den  Geist  einer  Verwaltung,  deren  Hauptziel  sein  muß,
das  Wiederdeutschwerden  der  mit  rauhem  Soldatenarm  aus  der  Fremde
heimgebrachten  Stammverwandten  so  rasch  als  möglich  zu  fördern.  Von
allen  Seiten  sprach  sich  dabei  das  Vertrauen  aus,  daß  es  dem  Segen  deut-