138 Buch III. Kap. 4.
Afterglaube und Angst, feige Tücke und rasende Mordlust
verbanden sich da zu einem Thun, dessen Resultate das
düsterste Kapitel der Weltgeschichte füllen. Betrachtet
man dieses höllische Bild und stellt die abergläubischen
Tendenzen und Praktiken unserer eigenen Zeit daneben,
die somnambulistischen und magnetischen Gaukeleien, die
Geistersehereien und Gesundbetereien, die Muttergottes—
erscheinungen und Wunderquellensprudelungen, die Umkehr
der „Wissenschaft“ zum mittelalterlichen Köhlerglauben,
die ganze von so vielen Kanzeln und Kathedern gepredigte
Dämonologie der Unvernunft, so ist man stark versucht,
in das trostlospessimistische Kredo einzustimmen, daß die
Geschichte nur eines lehre, nämlich daß sie nichts lehre.
Und doch sind wir seit hundert Jahren unleugbar vor—
geschritten: man verbrennt wenigstens keine Hexen mehr.
Auch wird sicherlich eine Zeit kommen, wo die Umkehrprofessoren,
Umkehrkonsistorialräthe, Umkehrzeitungsschreiber
unserer Tage als gewesen und fürder unmöglich
der Kulturgeschichte ebenso verfallen sein werden, wie die
Hexenrichter von vormals heutzutage es sind. Nur wird
man dann die modernen Inquisitoren nicht mit dem Gefühle
des Grauens, welches die alten einflößen, betrachten,
sondern mit dem der Ergötzung. Denn mögen sich die
Apostel und Familiaren des Köhlerevangeliums noch so
ernsthaft und grimmig gebärden, sie sind und bleiben
lächerliche Gesellen und die Maske à la Torquemada oder
Calvin steht ihnen so komisch zu Gesichte, daß wir bereits
das unauslöschliche Gelächter zu vernehmen glauben, welches
in künftigen Tagen darüber erschallen wird. Freilich,