Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

6.

In  eden  den  Tagen,  als  die  österreichische  Heereeleitung  vor  dem  Entschluß
stand,  ob  sie  den  Kampf  vorwärts  der  Karpathen  noch  einmal  aufnehmen  oder
ganz  Galizlen  dem  Feinde  prelsgeden  und  sich  auf  die  natürlichen  Wälle  der
Kernlande  der  Monarchie  zurückzlehen  solle,  erreichte  sie  die  Meldung,  daß  es
dem  Verbündeten  gelungen  sel,  eine  der  belden  gegen  Deutschland  aufmarschierten
  Armeen  im  duchstädlichen  und  vollen  Sinne  des  Wortes  zu  vernichten  —
aus  dem  welteren  Kampfe  auszuscheiden.  Es  ist  leicht  vorzustellen,  wie  sehr
die  Kunde  von  Tannenderg  dae  K.  u.  K.  Armeeodberkommando  getröstet  und
zur  Fortsetzung  des  Widerstandes  angespornt  haben  mag.

Sie  entschloß  sich  und  mußte  sich  entschließen,  die  im  Norden  siegreich
kämpfenden  deiden  Armeen  zur  Mitwirkung  in  der  Entscheldungeschlacht
beranzuzlehen.  Allerdings  war  diese  Aufgabe  nicht  leicht.

Die  1.  Armee  (Dankl)  defand  sich  im  slegreichen,  doch  langsamen  Vorschreiten
  auf  Lublin.  Ihre  Nachdarin  zur  Rechten,  die  4.  Armee  (Auffenberg)
hatte  in  Verbindung  mit  der  ihren  rechten  Flügel  dildenden  Heeresgruppe
Erzberzog  Josef  Ferd  inand  nach  langem,  zähem  Ringen  den  vor  ihrer  Front  befündlichen
  Feind,  die  5.  russische  Armee,  aue  ibrer  festen  Stellung  geworfen
und  zu  fluchtartigem  Rückzuge  nach  Nordosten  gezwungen.  Mitten  in  ihrem
Slegeslaufe  traf  sie  der  Befehl  zur  Umkebr.  Der  schwachen  Heeresgruppe
des  Erzherzogs  mußte  es  überlassen  dleiben,  die  Verfolgung  fortzusetzen,  während
  Auffenberg  sich  aus  der  Schlachtfront  herauszog,  um  den  Anschluß  an  den
lnken  Flügel  der  3.  Armee  zu  suchen.  Dlie  bezog  nun  westlich  Lemderg  eine  Bereitschaftsstellung,
  um,  sowle  Auffenderg  beran  wäre,  aufe  neue  zur  angriffswelsen
  Verteidigung  nach  Osten  anzutreten  und  dem  Feinde  vor  den  Westpforten
  der  Hauptstadt  dle  dritte  Schlacht  zu  liefern.

Die  Armee  Hankl  hing  nun  rechts  in  der  Luft  und  bekam  das  alebald  zu
übhlen.  Ein  neuer  Vorstoß,  den  sie  am  2.  Septemder  gegen  die  Verteidigungestellung
  der  Russen  vor  Lublin  unternahm,  wurde  von  anrückenden  russischen
Verstärkungen  rechte  flankiert.  Dankl  warf  erst  sein  Kavallerlekorps  und  dann
auch  noch  das  preußische  Landwehrkorps  v.  Woprsch  auf  seinen  rechten  Flügel.
Dank  dieser  Unterstützung  gelang  es  ihm,  sich  dis  auf  weiteres  zu  halten.

Zur  selben  Zeit,  als  der  russische  Widerstand  sich  vor  Lublin  versteifte,
gestalteten  sich  die  Verbaltnisse  auch  für  die  Heeresgruppe  Josef  Ferdinand  höchst
bedenklich.  Der  Russe  hatte  schnell  herausbekommen,  daß  sein  Verfolger  jetzt
nicht  mehr  aus  anderthalb  Armeen,  sondern  nur  aus  einer  halden  bestand.
Er  machte  kehrt  und  warf  sich  dem  ungestüm  nachdrängenden,  aber  allzu  schwachen
Verfolger  entgegen.  So  hatten  sich  die  Verhältnisse  auf  dem  dieher  siegreichen
linken  Flügel  der  ÖOsterreicher  in  ihr  Gegentell  verkehrt.  Danki  wie  der  Erzherzog
  wurden  arg  dedrängt  und  leisteten  mit  allmahlich  erlahmenden  Kräften
verzweifelten  Widerstand.  Inzwischen  hatten  sich  dle  durch  Lemderg  zurückgewichenen
  Armeen  3  und  2  westlich  Lemberge  vorwärts  der  Wereszyca,  aber
gegen  die  Stadt  durch  dle  Sümpfe  von  Grodek  gedeckt,  zu  neuem  Widerstand
aufgebaut.  Sleichzeitig  war  es  Auffenberg  gelungen,  seine  ganze  Armee  aus
dem  Raume  seiner  Slege  bei  Tarnowatka-Komarow  herauszuziehen  und  in

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