Volltext : Das Lehrlingswesen und die Berufserziehung des gewerblichen Nachwuchses.

48  Erster  Teil:  Das  Lehrlingswesen  im  Handwerk.

Ein  besonders  wunder  Punkt  ist  die  in  vielen  Handwerkszweigen
allenthalben  übliche  Lehrlingszüchterei.  Einem  empfindlichen  Mangel
an  Lehrlingen  auf  der  einen  Seite  steht  auf  der  anderen  eine  ganz
außerordentlich  hohe  Lehrlingshaltung  gegenüber.  Einzelne  Handwerkswise
  hien  fast  gar  keine  Lehrlinge  mehr  aus,  andere  um  so  mehr.

un  lassen  sich  ja  in  der  Lehrlingshaltung  keine  einheitlichen  Gesichtspunkte
  aufstellen,  da  die  Verhältnisse  hinsichtlich  des  Bedarfs  an  Lehrlingen
  im  Handwerke  selbst,  hinsichtlich  der  Aussichten,  sowie  des  Bedarfs
der  Industrie  an  handwerksmäßig  ausgebildeten  Arbeitskräften  in  den
einzelnen  Gewerben  sehr  verschiedenartig  liegen-  Voigt  hat  aber  in  dieser
Beziehung  in  den  Untersuchungen  (Bd.  9,  S.  361)  einige  allgemeine
Lesichtspunke  aufgestellt,  die  auch  heute  noch  als  zutreffend  erscheinen.
Er  geht  hierbei  von  drei  Grundtypen  von  Gewerben  aus.  Die  erste
große  Reihe  von  Gewerben  hat  weitgehende  technische  Umgstaltungen
erfahren,  die  die  Verwendung  gelernter  Arbeiter  im  Großbetrieb  entweder
  ganz  oder  größtenteils  überflüssig  gemacht  haben.  Das  Handwerk
ist  in  man  chen-  Weser  Gewerbe  schon  vollständig  vernichtet,  in  andern
in  starkem  lle  begriffen  oder  technisch  durch  die  Einschränkung  auf
gen  einfache  Tätigkeiten  vollständig  gesunken.  Meist  haben  in  diesen

ewerben  die  Handwerker  selbst  schon  die  Aussichtslosigkeit  ihres  Handwerks
  eingesehen  und  halten  keine  Lehrlinge  mehr.  Wenn  aber  bei
ihnen  noch  die  Tendenz,  Lehrlinge  herangubißten,  besteht,  so  führt  ihnen
doch  das  Publikum  keine  mehr  zu.  Für  Eisleben  führt  Voigt  neun
von  43  Handwerken  an,  bei  denen  die  Lehrlingsausbildung  aufgehört
hat:  Müller,  Beutler,  Handschuhmacher,  Färber,  Pantoffelmacher,
Kammacher,  Nagelschmiede,  Kettenschmiede,  Seiler  und  Töpfer.  Aber
nicht  überall,  wo  infolge  der  großindustriellen  Konkurrenz  das  Handwerk
schwer  beingesuche  ist,  erscheint  die  Lehrlingshaltung  ohne  weiteres  überüssig

  und  auch  im  praktischen  Leben  ausgeschaltet.  Reparaturen  und
einzelne  Neuarbeiten  sichern  dem  Handwerke  noch  auf  absehbr  Zeit
hinaus  die  Existenz.  Hierhin  rechnet  Voigt:  die  Hut=  und  Mützenmacher,
  erner  Kürschner,  Böttcher,  Büchsenmacher  und  Uhrmacher,
schließlich  auch  die  Schuhmacher.  Im  ganzen  berechnet  Voigt,  daß
z.  B.  in  Eisleben  20  Gewerbe  für  die  L##rlinssausbildung  wenig  oder
gar  nicht  in  Betracht  kommen.

In  die  zweite  Gruppe  von  Gewerben  rechnet  er  diejenigen,  die  bedeutende
  technische  Anderungen  erfahren  haben,  bei  denen  aber  die  Fabrik
noch  in  umfangreichem  Maße  gelernter  Arbeiter  bedarf,  die  sie  nicht
selbst  ausbildet,  sondern  aus  den  Reihen  des  Handwerks  heranzieht,  d
zwar  immer  weiter  zurück  ran  t  wird,  aber  doch  noch  eine  beträ  ie
bahlenmäige  Bedeutung  iese  H  Handwerkszweige  bilden  also  auch

ie  für  die  Fabrik  keung  gar-  gelernten  Arbeitskräfte  in  großem  Umfang
aus,  und  es  besteht  vozer  hier  die  Neigung  zu  ausgedehnter  Lehrlingshaltung,
  a  es  ist  vielfach  un  weifelhaft,  daß  die  herangebildeten  Lehringe
  7  in  der  Großindustrie  schwer  unterkommen  können  und  daß
man  infolgedessen  von  regelrechter  Lehrlingszüchterei  sprechen  kann.  UngLchörig
  groß  ist  nach  der  Meinung  Voigts  die  Lehrlingszahl  bei  den

ischlern,  vor  allem  aber  bei  den  Metallgewerben,  bei  den  Grobschmieden,
Kupferschmieden,  Klempnern,  am  ärgsten  liegen  die  Verhältnisse  bei  den