Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

Mebersicht  iber  die  politische  Entwichelung  des  Jahres  1908.  479

die  Umwälzung  für  die  Balkanhalbinsel  und  die  europäische  Politik
gehabt  hat,  haben  wir  bereits  gesehen.  Ob  sie  im  Innern  eine
kräftigende  Wirkung  ausüben  wird,  ist  noch  dunkel;  der  makedonische
Parteikampf  hat  zwar  aufgehört,  aber  welchen  Einfluß  das  Parlament
  (S.  415)  üben  wird,  steht  dahin.

Die  Vereinigten  Staaten  standen  unter  dem  Zeichen  des
Präsidentenwechsels;  wie  stets  war  die  letzte  Session  des  Kongrefses
  wenig  fruchtbar,  da  die  herrschende  Partei  bemüht  ist,  dem
Gegner  für  die  Präsidentenwahl  möglichst  wenig  Angriffspunkte  zu
bieten.  Roosevelts  Kampf  für  die  Marine  und  gegen  die  Trusts
hat  daher  wenig  Erfolg  gehabt;  anstatt  der  verlangten  vier  Linienschiffe
  hat  der  Kongreß  nur  zwei  bewilligt  und  das  Trustgesetz  ist
noch  kaum  verhandelt  worden.  Auch  die  Herabsetzung  der  Einfuhrzölle
  auf  Waren  aus  den  Philippinen  hat  der  Präfident  noch  nicht
durchsetzen  können.  —  Bei  der  Präsidentenwahl  hat,  wie  meist  erwartet
  wurde,  der  von  Roosevelt  empfohlene  Kandidat  der  Republikaner,
  Staatssekretär  Taft,  über  den  schon  wiederholt  geschlagenen
  Demokraten  Bryan  gesiegt.  —  Die  Beziehungen  zu  Japanhaben
  sich  gebessert.  Zwar  ist  die  Schulfrage  in  Kalifornien  noch
keineswegs  befriedigend  gelöst,  aber  die  Weltreise  der  amerikanischen
Flotte,  die  mit  großen  Besorgnissen  begleitet  wurde,  ist  ohne  Zwischenfall
  verlaufen,  und  am  Schluß  des  Jahres  haben  beide  Mächte
ein  Abkommen  über  die  Aufrechterhaltung  des  status  quo  im  Stillen
Ozean  abgeschlossen.

Von  den  asiatischen  Ländern  hat  China  schwere  Stürme
durchmachen  müssen.  Zu  Beginn  des  Jahres  herrschten  im  Süden
Unruhen  gegen  die  Fremden  und  die  Dynastie  und  konnten  erst  nach
heftigen  Kämpfen  unterdrückt  werden.  Daß  es  gelang,  war  das
Verdienst  der  Pekinger  Regierung  und  ihrer  neu  geschaffenen  Armee.
Auch  wirtschaftliche  Nöte  gab  es:  Mißernten  und  überschwemmungen
fielen  Tausende  zum  Opfer  und  der  Boykott  japanischer  Waren
schädigte  auch  das  eigene  Erwerbsleben.  Aber  die  chinesische  Regierung
  steht  fester  als  früher.  Die  moderne  Ausbildung  der
Truppen  hat  Fortschritte  gemacht,  und  namentlich  wird  auf  die
Schulung  der  Offiziere  in  Kadettenhäusern  Wert  gelegt;  eine  Schulreform,
  basierend  auf  dem  allgemeinen  Schulzwang,  ist  begonnen