400 Ziele der französischen Politik.
artigen Gerüchten zu melden; aber niemals erhielten sie eine Antwort, die auf
die Gesinnung der eigenen Regierung hatte schließen lassen.
Man könnte vielleicht fragen, ob der Kaiser überhaupt einen bestimmten
Plan gehabt habe. Drouyn de Lhupys hat bei einer früheren Gelegenheit einmal
dem österreichischen Botschafter gegenüber geäußert, man spreche immer
von den tiefen Plänen des Kaisers; in Wahrheit habe Napoleon gar keine
Tiefe, sondern nur eine Oberfläche, die sich ohne Unterlaß wandle.! Sollte
das auch in bezug auf die deutsche Frage der Fall gewesen sein?
Heinrich von Sybel hat bekanntlich die Meinung ausgesprochen, Napoleon
habe einen Krieg zwischen den deutschen Mächten eifrig gewünscht, weil
er dabei eigene Vorteile zu erlangen hoffte.: Er habe Preußen zu einer Eroberungspolitik
in Schleswig-Holstein ermutigk, weil er an dieser Frage den
Krieg habe entzünden wollen. Preußen, das er für den schwächeren Teil hielt,
sollte von Italien unterstützt werden, das Ergebnis die Eroberung Venetiens
für Italien, Schleswig-Holskeins und der führenden Stellung in Norddeutschland
für Preußen sein. Dann würden die beiden deutschen Rivalen
gleich stark und gegen einander auf Frankreichs Hilfe angewiesen sein. Als
Lohn für seine Unterstützung habe ihm Preußen Teile des linken Rheinufers
verschaffen oder wenigstens deren Besetzung zulassen sollen. Diese Ziele habe
er für erreichbar gehalten, ohne daß Frankreich selbst in den Kampf eingreife;
denn wenn die beiden Gegner vom langen Ringen erschöpft seien, werde das
bloße Wort des mächtigen Nachbarskaakes genügen, um dessen Wünsche zur
Erfüllung zu bringen. Da die Dinge anders gekommen sind, wie Napoleon
es, wenn diese Vermutungen zutreffen, erwartet hat, und da er also seinen
eigentlichen Plan nicht hat zur Ausführung bringen können, so läßt sich
natürlich ein zwingender Beweis für ihre Richtigkeit nicht führen; aber die in
der neuen französischen Veröffentlichung enthaltenen Nachrichten sind doch geeignet,
sie zu stützen und zu ergänzen.
Es entsprach nur den bisherigen Traditionen, wenn man in Paris darauf
ausging, jede engere Verbindung der deutschen Großmächte untereinander
zu verhindern. Daher suchte Napoleon gleich nach dem Tode des dänischen
Königs in der Frage der Herzogtümer Fühlung mit Preußen zu gewinnen und
eine gemeinsame Aktion aller deutschen Staaten zu hintertreiben. Sein Lieb-1
Bericht des Fürsten Metternich, mitget, aus den Papieren des Grafen Karolyl, Dt.
Revue 38, 1, 282.
2 Außer in selnem großen Werke, über die Begründung des Reiches, auch in dem Aussatze
Über Napoleon III. in seinen Kleinen Historischen Schriften Bd. 3, S. 535 f., der manche
genauere Einzelheiten aus den Akten bringt. — Friedsungs Auffassung in selnem
„Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland“ weiche in dieser Beziehung von dersenigen
Sobelo nicht wesentlich ab.