Full text : Illustriertes Realienbuch.

—  28  —  III

III.  Das  Wiesenthal.  (Im  Juni.)

Das  Wiesenthal  ist  von  sanften  Höhen  begrenzt.  Ein  Bach  läuft  hindurch.
Auf  einer  Seite  nähert  sich  der  Wald,  auf  der  andern  breiten  sich  usthin  u.
Am  Ufer  stehen  Weiden,  Erlen  und  Pappeln.  Die  Weiden  haben  schwanke,
zähe  Zweige  und  schmale  Blätter  und  befestigen  mit  ihrem  Wurzelgeflecht  die
Ufer.  Die  Erlen  haben  eine  dunkle  Rinde  und  schwarzgrünes  Laub,  die
Pappeln  eine  helle  Schale  und  anliegende  Aste.  Alle  drei  tragen  im  Frühling
Blütenkätzchen.

An  einem  hohlen  Weidenbaume  setze  ich  mich  nieder,  um  das  Naturleben
unter,  über  und  neben  mir  zu  belauschen.

Unter  mir  ist  das  Wasser.  Ein  entwurzelter  Weidenbaum  liegt  quer  und
staut  das  Wasser.  In  seinem  Gezweig  hängt  ein  totes  Kätzchen.  Ein  handlan  er,
grungrauer  Krebs  mit  10  Beinen  kommt  langsam  aus  einem  Uferloch,  faßt  das

as  mit  den  Scheren  und  zerrt  es  fort.  Auf  dem  Kiesgrunde  sehe  ich  helle  und
dunkle  Quarzkörner.  Sie  haben  sich  unter  einander  rund  und  glatt  gescheuert.
Unter  einem  glatten  Steine  hervor  kommt  eine  Forelle.  Sie  ist  silberfarbig  und
hat  rote  Punkte  in  blauen  Ringen.  Jetzt  steht  sie  im  Wasser  und  lauert  auf  Beute.

Uber  dem  Wasser  spielen  Mücken  und  Fliegen.  Wie  ein  Pfeil  schnellt
sie  danach  und  erhascht  eine.  Da  fährt  aus  einem  Uferloch  die  braune,  marderähnliche
  Fischotter,  erhascht  und  frißt  die  Forelle.  Auch  der  Krebs  wird  ihre
Beute.  Sie  ist  fuchsgroß,  der  Kopf  platt,  die  Schnauze  spitz,  die  Zehen  durch
Schwimmhäute  verbunden,  der  Pelz  glänzend  und  wasserdicht.  Sie  lebt  in
unterirdischen  Höhlen  am  Wasser,  schwimmt  und  taucht  wie  eine  Ente  und  ist
schwer  zu  fangen  oder  zu  schießen.  (Wie  ist  sie  für  ihr  Leben  ausgerüstet?)

In  dem  flachen,  lauen  Wasser  auf  einer  Sandbank  spielen  junge  Fischlein,
die  aus  Rogeneiern  geschlüpft  sind.  Die  fingerlangen  Stichlingemit  3  Stacheln
auf  dem  Rücken  suchen  im  Schlamme,  die  grünlichen  Schmerlen  mit  6  Bartfäden
  unter  Wurzeln  ihren  Aufenthaltsort.  Im  Sonnenscheine  spielen  die
rot  befloßten  Weißfische,  die,  wenn  sie  ihren  Körper  ein  wenig  seitlich  neigen,
das  eigentümliche  Blitzen  im  Wasser  verursachen.

An  einem  toten  Uferarme  blühen  viele  blaue  Vergißmeinnicht  und  ein
giftiger  Wasserschierling  mit  weißer  Schirmblüte.  Am  Wasser  schnellen  die
schwärzlichen  Kaulquappen  mit  dicken  Köpfen  und  zappeligen  Ruderschwänzen
umher.  Sie  sind  aus  Froschlaich  geschlüpft  und  werden  zu  Fröschen.

Neben  mir  windet  sich  aus  dem  aufquellenden  Wiesenboden  angstvoll  ein
Regenwurm,  hinter  dem  ein  Maulwurf  her  ist.  Der  goldgrüne  Goldschmied,
ein  Laufkäfer,  packt  ihn  und  ringt  mit  ihm.  Der  Wurm  rollt  ins  Wasser,  da
hascht  ihn  ein  Fisch.  Der  Käfer  rettet  sich  an  einem  Grashalm  ans  Ufer,  da
packt  ihn  eine  Elster,  die  auf  der  Pappel  ihr  Nest  hat.

Vielerlei  Gräser  bilden  den  Wiesenteppich.  Ihre  hohlen  Halme  mit  Knoten
tragen  entweder  Ahren  oder  Walzen  oder  Rispen.  Danach  unterscheidet  man
Ahren-,  Fuchsschwanz=  und  Rispengräser.  Zu  den  ersteren  gehören  das
Ruchgras,  das  dem  Heu  seinen  Wohlgeruch  giebt,  das  Perl=  und  Knäulgras;
  zu  den  zweiten  der  große  und  kleine  Fuchsschwanz,  der  letztere  hat
einen  geknieten  Halm;  zu  den  dritten  das  Hirsen  gras  und  die  Schmiele.
Farbige  Blumen  bilden  die  bunte  Stickerei  des  Wiesenteppichs.  Gelb  blühen
Löwenzahn  und  Hahnenfuß,  rot  das  breitblätterige  und  gefleckte  Knabenkraut,
  blaßrot  das  Wiesenschaumkraut  mit  seinen  Schaumflöckchen,  weiß
der  Kümmel.  Zwischen  den  3  fetten  Blättern  der  Herbstzeitlose  wächst  der
dreifaltige  Fruchtsack,  und  auf  den  fleischigen  Stengeln  der  Sumpfdotterblume
  entwickeln  sich  aus  goldgelben  Blüten  gehörnte  Samenkapseln.

In  einer  Moorwiese  ist  ein  Torfstich  zur  Gewinnung  von  Brennstoff
aus  verfilzten  Pflanzenfasern  angelegt.  Hier  wachsen  Riedgräser,  die  markige
Halme  ohne  Knoten  haben  und  saures  Gras  geben,  und  Schachtelhalme.
Große  Binsenbüsche  mit  seitlichen,  bräunlichen  Blüten  stehen  hier.  Kinder
flechten  daraus  Binsenkörbchen.  In  einem  Binsenbusch  hat  ein  Kiebitz  sein
Nest.  Seine  Eier  sind  als  Leckerbissen  berühmt.  Ein  Fuchs  schleicht  sich  vom