— 209 —
Aus Preußen ist während des Jahres 1897 infolge Erlasses der Minister für
2c. Medizinalangelegenheiten und des Innern vom 29. Januar 18961) über 29 Pockenerkrankungen
berichtet worden, von denen 5 (17,, %) tödtlich verliefen. Diese Pockenfälle
ereigneten sich in 18 Ortschaften; aus 11 derselben sind nur je 1 Fall, aus 4 je 2, aus
2 je 3 und aus einem Orte 4 Fälle angezeigt. Von den Pocken betroffen waren die
Regierungsbezirke Königsberg (8 Orte mit 3 Fällen), Gumbinnen (2 mit insgesammt 4),
Marienwerder (2 mit 2), Berlin (1 mit 2), Posen (1 mit 1), Breslau (2 mit 7), Oppeln
(1 mit 2), Merseburg (3 mit 4) und Schleswig (3 mit 4). — Unter den 29 Erkrankten
befanden sich 4 im Ausland geborene Personen und 2, die zwar in Deutschland geboren,
aber krank aus dem Auslande zugereist waren; 9 Fälle entfielen auf die nahe den Grenzen
des Reiches gelegenen Kreise.
Im Reg.-Bez. Königsberg erkrankte in Pobethen, Kreis Fischhausen, ein
10 jähriger Knabe, der im 1. Lebensjahre mit Erfolg geimpft worden war und deutliche
Impfnarben hatte, leicht an diskreten Pocken. In Ketzwalde und auf Gut Schildeck,
Kreis Osterode i. Ostpr., erkrankte und starb ein im 1. und ein im 2. Lebensjahre stehendes
Kind; über Verlauf der Krankheit und Impfzustand ist nichts bekannt. Die Ansteckungsquelle
ließ sich in keinem Falle nachweisen.
Im Reg.-Bez. Gumbinnen kamen 4 Fälle zur Anzeige. In Szameitkehmen,
Kreis Pillkallen, wurden 3 Kinder eines Landwirths im Alter von 6, 4 und 3 Jahren von
leichten Pocken (Variolois) befallen; alle 3 waren mit Erfolg geimpft und hatten deutliche
Impfnarben. Zuoerst erkrankte der ältere Bruder; sieben Tage später die Schwester und der
jüngere Bruder gleichzeitig, sodaß Ansteckung durch den älteren Bruder wegen der Kürze
der zwischenliegenden Zeit nicht angenommen werden kann. Wie die Ansteckung überhaupt
erfolgte, blieb unbekannt. — In Kreutzofen, Kreis Johannisburg, war ein 17jähriger
Waldarbeiter, der im 12. Jahre mit Erfolg wiedergeimpft war und deutliche Impfnarben
hatte, kaum 8 Tage lang leicht krank. Nach Ansicht des Medizinalbeamten hat es sich, wenn
überhaupt um Pocken, höchstens um leichte Varioloiden gehandelt, da bereits 2 Tage nach
Beginn der Krankheit kein Ausschlag mehr sichtbar war. Auch hier ließ sich über die
Entstehung nichts ermitteln.
Im Reg.-Bez. Marienwerder erkrankte in Klein-Tromnau bei Riesenburg,
Kreis Rosenberg, ein 19jähriger, russischer Rübenarbeiter, der 8 Tage vorher, also im
Inkubationsstadium, geimpft war. Die Krankheit verlief leicht; die Ansteckung ließ sich
nicht nachweisen. — In Krojanke, Kreis Flatow, wurde ein 2 ½jähriges Kind, welches
vor noch nicht 2 Jahren mit Erfolg geimpft war und deutliche Impfnarben zeigte, leicht von
konfluirenden Pocken befallen. Die Entstehung blieb auch hier unbekannt.
In Berlin erkrankte und starb eine 35 jährige Frau, welche vor mehr als 20 Jahren
mit Erfolg wiedergeimpft war, an schweren, hämorrhagischen Pocken. Ueber die Ansteckung
wird berichtet, daß etwa 8 Wochen vor Erkrankung dieser Frau eine aus Wien zugereiste
Dame bei der Familie Wohnung genommen hatte. Diese erkrankte an „Luftröhrenkatarrh
mit leichtem Ausschlag"“; ferner traten bei ihr eine Anzahl „Wasserbläschen“ auf, welche
eintrockneten. — Einen Tag nach dem. Tode jener Frau wurde in demselben Stadbttheile
ein 6jähriges Mädchen, welches im 1. Lebensjahre mit Erfolg geimpft war, leicht von den
Pocken befallen. Ueber die Uebertragung ließ sich nichts ermitteln.
Im Reg.-Bez. Posen erkrankte in Grabow, Kreis Schildberg, ein 12jähriger
1) Bgl. Veröffentl. des Kaiserlichen Gesundheitsamtes 1896, S. 139.