Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1837. (28)

502  I.  4.  Der  Befreiungskrieg.

Wachsamkeit  der  Verbündeten  sicher  scheitern  mußte.  Sonst  blieb  ihm
nur  noch  der  Rückzug  nach  Westen  offen,  erst  durch  die  enge  Stadt,  dann
auf  einer  einzigen  Brücke  über  die  Elster,  endlich  auf  dem  hohen  Damme
der  Frankfurter  Landstraße  quer  durch  die  nassen  Wiesen  der  Auen  —
der  denkbar  ungünstigste  Weg  für  ein  geschlagenes  Heer.

Am  15.  war  Rühle  von  Lilienstern  mit  einer  Botschaft  des  schlesischen
  Hauptquartiers  bei  dem  Oberfeldherrn  in  Pegau  angelangt.  Gneisenau
  schlug  vor,  am  ersten  Schlachttage  das  Gefecht  hinzuhalten,  weil
mindestens  80,000  Mann  von  der  verbündeten  Armee  noch  nicht  zur
Stelle  waren.  Sobald  diese  Verstärkungen  eingetroffen,  sollte  der  Angriff
  auf  allen  Stellen  des  Halbkreises  mit  entschiedener  Uebermacht  wieder
aufgenommen  und  indessen  durch  ein  in  Napoleon's  Rücken  entsendetes
Corps  dem  Feinde  die  einzige  Rückzugsstraße  gesperrt  werden;  dann  war
nicht  nur  ein  Sieg,  sondern  eine  Vernichtungsschlacht,  eine  in  aller  Geschichte
  unerhörte  Waffenstreckung  möglich.  Zu  so  hohen  Flügeln  vermochte
  sich  freilich  Schwarzenberg  nicht  aufzuschwingen.  Eine  Zeit  lang
hoffte  er  sogar  die  Schlacht  gänzlich  zu  vermeiden,  schon  durch  das  Erscheinen
  der  drei  vereinigten  Armeen  den  Imperator  zum  Rückzuge  zu
nöthigen.  Auch  als  er  sich  endlich  überzeugen  mußte,  daß  ein  Napoleon
so  leichten  Kaufes  nicht  zu  verdrängen  sei,  entwarf  er  einen  überaus  unglücklichen
  Schlachtplan.  Da  die  böhmische  Armee  vom  Süden,  die  beiden
  anderen  Heere  vom  Norden  herankamen,  so  mußte  der  Oberfeldherr
—  das  war  die  Meinung  des  schlesischen  Hauptquartiers  —  die  Entscheidung
  auf  seiner  rechten  Flanke  suchen,  dort  auf  der  Rechten  sich  mit  der
Nordarmee  zu  verbinden  streben  um  die  Umklammerung  des  Feindes  zu
vollenden.  Statt  dessen  ballte  er  eine  Masse  von  35,000  Mann,  lauter
Oesterreicher,  auf  seinem  äußersten  linken  Flügel  zusammen  und  ließ  sie
durch  das  unwegsame  Buschland  der  Auen  gegen  Connewitz  vorgehen,  in
der  sonderbaren  Hoffnung,  dort  auf  ganz  unzugänglichen  Boden  Napoleon's
rechten  Flügel  von  der  Stadt  abzudrängen.  Sein  General  Langenau
hatte  diesen  unseligen  Anschlag  eingegeben;  der  ehrgeizige  Sachse,  der  erst
im  Frühjahr  zugleich  mit  dem  Minister  Senfft  in  österreichische  Dienste
übergetreten  war,  brannte  vor  Begier  sich  in  der  Gnade  seines  Kaisers
fest  zu  setzen  und  wollte  darum  den  Hauptschlag  durch  die  Oesterreicher
allein  ausführen,  den  Preußen,  die  er  mit  dem  ganzen  Ingrimm  des  Particularisten
  haßte,  eine  untergeordnete  Rolle  zuweisen.  Der  kleinliche  Gedanke
  sollte  sich  grausam  bestrafen.  —

Napoleon  sammelte  die  Hauptmasse  seiner  Streitkräfte  bei  Wachau,
drei  Stunden  südöstlich  der  Stadt.  Da  er  von  dem  Zauderer  Bernadotte
nichts  befürchtete  und  die  schlesische  Armee  noch  weitab  im  Nordwesten
bei  Merseburg  wähnte,  so  gab  er  dem  Marschall  Marmont,  der  im  Norden
  bei  Möckern  stand,  den  Befehl  sich  mit  der  Hauptarmee  zu  vereinigen,
um  die  Niederlage  des  böhmischen  Heeres  vollständig  zu  machen.  In