Contents : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

552  Erlaß  vom  9.  Juli.

reichs  in  Deutschland  zu  brechen  und  diejenige  Preußens  an  die  Stelle
zu  setzen.

Den  Grundgedanken  der  Depesche  vom  9.  Juli  erblicke  ich  also  darin,  daß
Bismarck  versuchen  will,  die  volle  Annexion  der  größten  feindlichen  norddeutschen
  Länder  ohne  Abtretung  deutschen  Gebietes  an  Frankreich  zu  erreichen?;
daneben  faßt  er  einen  engen  Norddeutschen  Bund  mit  den  übrigbleibenden
Staaten  nördlich  des  Main  ins  Auge,  wobei  es  ihm  vor  allen  Dingen  auf  den
militärischen  Oberbefehl  Preußens  über  alle  norddeutschen  Streitkräfte  ankommt.
  Sollte  sich  dies  oberste  Ziel  nicht  ohne  Abtretung  deutschen  Gebietes
oder  Krieg  gegen  Frankreich  erreichen  lassen,  so  will  er  sich  auch  anstatt  der  Annexion
  mit  dem  bloßen  Eintritt  sämtlicher  norddeutscher  Staaten  in  den
Bund  begnügen,  will  dann  aber  denjenigen  von  ihnen,  die  gegen  Preußen
gekämpft  haben,  schärfere  militärische  Unterordnung,  eventuell  auch  Gebietsabtretungen
  auferlegen.3  Über  deren  Umfang  spricht  er  sich  nicht  aus;
offen  bar  will  er  zunächst  wissen,  wie  Napoleon  den  Gedanken  einer  erheblichen
territorialen  Vergrößerung  Preußens  überhaupt  aufnehmen  wird.  Ein  Zwie-1

  Dies  gegen  Thimme,  der  S.427  den  Ausschluß  Österreichs  vermißt.  Bereits  Muth  19
hat  diese  Argumente  gegen  ihn  geltend  gemacht.  Thimme  weift  auch  (S.  417)  darauf  hin,
daß  keine  Bedingungen  für  den  Frieden  mit  den  süddeutschen  Staaten  angegeben  sind;
aber  auf  diese  bezog  sich  ja  die  Vermittlung  des  Kaisers  gar  nicht.

:  Anders  Lenz  S.  86.  Lenz  meink,  Bismarck  sei  geleitet  worden  von  der  Besorgnis  vor
Frankreich  (darüber  s.  S.  568  Anm.  1);  er  habe  zufrieden  sein  wollen  mit  norddeutschem  Bund
und  mäßiger  Gebietserwesterung  (ja,  aber  nur  äußerstenfalls  als  Minimum)]),  habe  aber
schlimmstenfalls,  um  Frankreich  nicht  zu  reizen,  den  Bund  ganz  aufgeben  und  dafür  größere
Annexionen  fordern  wollen  (davon  steht  nichts  in  dem  Erlaß;  auch  würde  die  Erhöhung
der  Annexionsforderung  gewiß  Frankreich  eher  zu  Kompensationsansprüchen  veranlaßt  haben,
als  der  Norddeutsche  Bund).  Die  starke  Betonung  der  Gesamtannexionen  im  letzten  Teil
und  in  der  Jusatzdepesche  führt  Lenz  auf  die  Einwirkung  des  Königs  zurück.  Ich  sehe  keinen
Grund  zu  dieser  Annahme;  sind  doch  die  großen  Annexionen  gleich  zu  Anfang  bereits  gefordert.
Man  kann  m.  E.  auch  nicht  von  einem  Kompromiß  zwischen  des  Königs  und  Bismarcks
Anschauungen  reden;  sie  stehen  vielmehr  ziemlich  unvermittelt  nebeneinander.  —  Busch
448  sucht  mit  ganz  unzureichenden  Gründen  zu  deduzleren,  aus  dieser  Instruktion  gehe
hervor,  daß  der  König  damals  für  Partialannexionen  gewesen  sei,  auch  die  volle  Annexion
Sachsens  nie  verlangt  habe.  Jutreffend  ist  nur,  daß  seine  Briefe  an  den  Kurfürsten  von
Hessen  den  event.  Fortbestkand  des  Kurfürstentums  zur  Voraussetzung  haben;  für  die
übrigen  Staaten  folgt  daraus  nichts.

*  Dies  ist  das  Minimum,  das  gerade  noch  aucreicht,  nicht  das  elgentliche  Ziel  Bismarcks,
wie  Thimme  418  incerpretiert.  Alle  Bemühungen  Thimmes,  nachzuweisen,  daß  Vismarck
noch  am  9.  Juli  kelnerlei  Annexionsabsichten  gehabt  habe,  scheitern  am  Wortlaut  der  Instrukeion.
  Nach  Thimme  (S.  421)  wäre  sein  Standpunkt  gewesen:  Am  liebsten  uur  Bundesresorm,
  wenn  aber  überhaupt  Annexion,  dann  lieber  Vollannerion  als  Teilannexionen.
Thimme  hat  sich  hier  von  Bismarcks  eigener  späterer  Darstellung  zu  sehr  beeinsiussen  lassen.
Die  Darstellung  der  Gedanken  und  Erinnerungen  ülbertrelbt  zweifellos,  insofern  sie  Bismarcks
  Bedenken  gegen  Teilannexlonen  zu  prinzipiell  und  unbedingt  hervorhebt.  Er  hielt