Volltext : Im alten Reichstag. Band I. (1)

Session  1874/75.  117

bestehen  der  Seehandlung  als  unverträglich  mit  der  wirtschaftlichen
und  politischen  Entwickelung  zu  bezeichnen.  —  Ähnliches  hatte  ich
schon  in  früheren  Sessionen  des  Abgeordnetenhauses  hervorgehoben,
und  war  dabei  gerade  auf  Seite  des  Herrn  v.  Kardorff  noch  am
3.  Mai  1873,  als  ich  im  Reichstag  eine  Verbindung  der  Seehandlung
  mit  dem  Reichsinvalidenfonds  verhindern  wollte,  auf
lebhaften  Widerspruch  gestoßen.

Für  Herrn  v.  Kardorff  war  der  Angriff  auf  die  Seehandlung
auch  nur  ein  Vorwand,  um  auszuführen,  daß  die  Machtstellung
des  Reiches  in  Frage  gestellt  wird  durch  „eine  schlechte  Wirtschaft",
durch  das  „wirtschaftliche  System",  welches  bei  uns  in  Anwendung
gebracht  wird,  zu  dessen  intellektuellen  Urhebern  teilweise  auch  Herr
Camphausen  gehöre.  Derselbe  habe  mit  beigetragen  zu  einer  „Kette
schwerer  wirtschaftlicher  Verwirrungen“,  welche  den  Handelsverkehr
zurückgebracht  hätten,  wie  nicht  seit  den  Kriegen  von  1813  und  15.

Minister  Camphausen  erklärte,  daß  er  es  seinem  Freunde
Delbrück  gegenüber  nicht  verantworten  könne,  Lob  oder  Tadel  für
die  gesamte  wirtschaftliche  Politik  Deutschlands  zu  verantworten.
Die  Folge  der  Überspekulation  seit  1871  mache  sich  auch  in  allen
anderen  europäischen  Staaten  geltend.  Die  Arbeitslöhne  in  Deutschland
  aber  sind  dauernd  höher  als  je  zuvor,  die  Lage  der  handarbeitenden
  Klasse  ist  günstiger.  Die  wirtschaftliche  Lage  rechtfertigt
  nicht,  von  dem  System  des  Freihandels,  welches  in  Wahrheit
  bei  uns  nur  ein  System  des  gemäßigten  Schutzzolles  ist,  zum
System  des  Schutzzolles  zurückzukehren.  „Sollte  diese  Auffassung
sich  ändern,  sollte  die  Staatsregierung  den  großen  Fortschritt,
  den  wir  in  dieser  Beziehung  gemacht  haben,
zurückthun  wollen,  —  ich,  meine  Herren,  werde  nicht  dabei
sein.“  (Bravo.)

Herr  Camphausen  bewies  durch  die  letzte  Bemerkung,  daß
er  die  Natur  dieses  Angriffes  nicht  verkannte.  Herr  v.  Kardorff
aber  bemerkte,  „er  habe  es  für  notwendig  erachtet,  daß  das  Land  erfährt,
  daß  sich  einige  Leute  wenigstens  um  diese  Fragen  ernsthaft
bekümmern,  und  ich  wünsche,  daß  auch  unsere  Stimmen  im
Lande  gehört  werden.“

Daß  gerade  Herr  v.  Kardorff  diesen  Trompetenstoß  zum
Angriff  auf  die  wirtschaftliche  Gesetzgebung  und  die  beiden  Minister
Camphausen  und  Delbrück  ertönen  ließ,  nahm  sich  damals  um  so
seltsamer  aus,  als  der  Beteiligung  des  Herrn  von  Kardorff  an  den
Eisenbahngründungen  auch  ein  Blatt  in  dem  Bericht  der  Kgl.  Untersuchungskommission
  gewidmet  war  und  derselbe  Herr  noch  am