— XI —
durch die das Deutsche Reich unter preußischer Vorherrschaft
ins Leben getreten ist, ein Kampf mit dem päpstlichen Rom
gewesen sind, ist in unserer nationalen Geschichtsschreibung
so wenig herausgearbeitet und klargelegt worden, daß die Römlinge
in ihrer gläubigen Befangenheit davon keine Vorstellung
haben und es als eine ungeheuerliche, schier unfaßbare Unterstellung
anzusehen geneigt sind. Es ist dies nicht zum wenigsten
dadurch bedingt, daß die betreffenden ‚diplomatischen‘‘ Urkunden
bis zur Stunde noch in den Archivgewölben des Vatikans
und der Orden, insbesondere des Jesuitenordens, verborgen
liegen: welchem ‚‚freien‘‘ Forscher hätten auch nur die Korrespondenzen
der päpstlichen Nuntiaturen zur Verfügung gestanden?
So ist es gekommen, daß ein so ausschließlich auf
„diplomatische‘‘ Urkunden aufgebautes Werk, wieH.v.Sybels
„Begründung des Reichs“, das allerdings auch sonst die
Schwächen der Sybelschen Geschichtsschreibung nur zu deutlich
an der Stirne trägt, weder 1866 noch 1870 die vatikanische
Politik in Rechnung bringt. Aber auch ein so gediegenes Werk
wie die Geschichte Bismarcks von Max Lenz
läßt diese sogut wie außer Betracht. Selbst eine so scharf
mit dem päpstlichen Rom ins Gericht gehende Geschichtsdarstellung
wie W.Onckens ‚‚eitalter Wilhelms 1.‘ versagt
auf diesem Punkte.
Ungleich befriedigender steht es um die Darlegung des
sog. „Kulturkampfes‘ in den Jahren von 1871 bis 1887. Sowohl
bei Lenz, wie bei Oncken, wie auch im Schlußband von
Lamprechts Deutscher Geschichte ist dieser durchweg
treffend gegeben; allein in zu gedrängter Kürze, im wesentlichen
bloß summierend und unter zu geringer Herausarbeitung des Gegenspiels,
als daß das Erlebnis dadurch zureichend erneuert würde.
Die Spezialwerke aus dem deutschen Lager liegen zu weit
zurück und sind fast ausschließlich ‚„Urkunden‘-Sammlungen.
Hahns Buch fällt noch in den Beginn der achtziger Jahre
und geht hinter das Jahr 1870 nicht zurück. Und auch Wiermanns
‚Geschichte des Kulturkampfes‘“ datiert noch aus dem
Jahre 1835, bevor der Kampf zum Abschluß gekommen war.
Die überaus dankenswerten Einleitungen und Kommentare in
Horst Kohls großen kritischen Ausgabe der politischen
Reder: Bismarcks, dem grundlegenden Werke für eine jede
Geschichte Bismarcks, wollen nur eine Wegweisung sein.