Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Dlese  völkerrechtlich  elnwandfreie  Anspruch  erregte  nicht  zuletzt  wegen  der
sensotionellen  und  geradezu  herausfordernden  Art  selner  öffentlichen  Geltendmachung
  einen  Sturm  in  Frankreich.  Demgegenüber  verlangte  Deutschland  die
Einberufung  elner  Konferenz,  welche  die  Verhältnisse  Marokkos  International
regeln  sollte.  Diese  fand  in  der  spanischen  Hafenstadt  Algeclras  lm  Frübjahr  1906
statt.  England  stand  an  Frankreichs  Selte,  Rußland,  dae  eben  erst  von  Deutschland
  elnen  großen  Freundschaftsbewels  und  -lenst  durch  dle  Neutralität  im
Russisch-Japanischen  Krlege  erhalten  hatte,  lleß  es  an  Bündnlstreue  gegenüber
selnem  westllchen  Verbündeten  ebenfalls  nicht  fehlen.  Ja,  es  war  unverkennbar,
  daß  sich  in  Algeciras  dle  erste  Annäherung  zwlschen  Rußland  und  England
vollzog.  Rußland  war  durch  Japans  Sieg  von  selnen  Ausdehnungeplänen  lm
fernen  Osten  abgedrängt  worden.  Es  hatte  zudem  mit  der  Revolutlon  lm
eigenen  Lande  hart  zu  ringen.  Wollte  es  nach  bewährtem  Muster  zur  Ableitung
seiner  lnneren  Schwlerlgkeiten  den  Weg  weltpolltlscher  Auebreltungeerfolge
beschrelten,  so  blieb  ihm  setzt  nur  die  Wlederaufnahme  selner  Pläne  im  nahen
Osten,  also  seln  Anspruch  auf  Konstantlnopel  und  dle  Meerengen-  Ibte  Verwirklichung
  aber  mußte  es  über  kurz  oder  lang  in  k
mlt  Osterreich  und  auch  mlt  Deutschland  stürzen.  Damit  wor  seine  Annäherung
an  England  ohne  weiteres  gegeben

Und  selbst  der  Drelbundverbündete  stellte  sich  in  Algeciras  ganz
offen  auf  die  Seite  der  Gegner.  Nur  Osterreich  stand  noch  als  „Sekundant“
an  Deutschlande  Seite.  So  waren  die  Ergebnisse  der  Konferenz  -*.r-  Deutschland
  niederdrückend.  Der  Grundsatz  der  offenen  Tür  wurde  zwar  auf  dem  Papler
anerkannt,  aber  die  Slcherheiten  für  selne  Durchführung  seltens  der  Okkupatlonemächte
  waren  völlig  ungenügend.  So  stand  die  Welt  unter  dem  Eindruck,  daß
Deutschland  isoliert  sei  und  gegenüber  selnem  geräuschvollen  Auftreten  bel  der
Tangerreise  eine  schwere  diplomatische  Niederlage  erlitten  habe.

Dieses  Ergebnis  bedeutete  für  Frankreich  die  Wiedergeburt  des  Revanchegedankens.
  Diese  Entwicklung  ist  vollends  erklärlich,  seit  wir  wissen,  daß  1906
zwischen  England  und  Frankrelch  die  streng  gebeime  Verabredung  zustande
gekommensst,  nach  welcher  zwlschen  den  beiderseitigen  Militär-  und  Marinestäben
fortlaufende  Unterhaltungen  für  den  Fall  elner  Krlegegefahr  gepflogen  werden
sollten.  Dieser  Geheimbund  ist  im  November  1912  durch  ein  auedrückliches
schelftliches  Ubereinkommen  dekräftigt  worden.

In  jene  Zelt,  in  der  das  Gespenst  des  europäischen  Krleges  lmmer  deutlicher
am  Horizont  emportaucht,  fiel,  eine  grimmige  Zronle,  dle  zwelte  internationale
Friedenekonferenz  im  Haag.  Auf  dieser  wle  auf  der  nachfolgenden  Londoner
Seekriegerechtskonferenz  (Winter  1908/09)  bildete  den  Hauptgegenstand  der
Beratung  die  Frage  der  Abschaffung  des  Seebeuterechto,  also  der  Sicherung
der  Freiheit  des  Prlvatelgentume  zur  See  In  Kriegszeiten.  Aber  es  war  nur
ein  Zwlschensplel:  die  schwere  Frage  wurde  nicht  gelöst.  Zuglelch  aber  gelang
es  der  dlplomatlschen  Kunst  unserer  Felnde,  unsere  Vereinsamung  noch  zusteigern.
Deutschland  war  ehrlich  und  nalv  genug,  ale  elnzlge  Macht  Europas  die  Abrüstungsvorschläge
  abzulehnen.  Von  Stund  an  hatte  das  Märchen  von  Deutschlands
  „militaristischer“  Gesinnung,  von  selner  Angriffelust  und  selnen  Welteroberungeplänen
  eine  Unterlage  an  seinen  eigenen  Erklärungen.  Eine  weltkundigere

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