Full text : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

Der  Vormarsch  der  Verbündeten  in  Südpolen  169

Diese  großzügige  Wiederaufnahme  der  österreichisch-ungarischen  Offensivc,
  die  den  siegreichen  Feind  aufsuchen  ging,  um  ihm  den  Preis  des  Sommerfeldzuges
  wieder  zu  entwinden,  und  ihm  die  Brust  zur  Feldschlacht  bot,  war
aus  dem  gemeinsamen  Operationsplane  geboren,  der  durch  Hindenburgs
kühnen  Vormarsch  das  Gepräge  einer  Überraschenden  Kriegshandlung  erhalten
hatte  und  den  russischen  Siegeslauf  jäh  unterbrach.  Im  Zusammenhang  mit
Osterreich-Ungarns  Erneuerung  der  Offensive  war  der  Flankenstoß  Hindenburgs
  zum  Eröffnungszug  eines  großen  Herbstfeldzuges  der  Verbündeten
geworden,  die  nun  Schulter  an  Schulker  im  Felde  erschienen  und  nach
friderizianischen  Grundsäßen  „Blitz  und  Donner  zugleich“  auf  den  über.-raschten
  Gegner  fallen  ließen.

Wohl  hatte  das  deutsche  Landwehrkorps  Woyrsch  schon  bei  Krasnik
und  Turobin  im  Verband  mit  der  Armee  Dankl  gekämpft,  aber  jetzt  erst
begann  sich  eine  Verschmelzung  der  deutschen  und  der  österreichisch--ungarischen
  Waffen  zu  vollziehen,  die  das  Zusammenwirken  der  Engländer  und
Franzosen  an  Kraft  und  einheitlichem  Willen  noch  lange  Zeit  weit  hinter
sich  ließ.

Der  Vormarsch  der  Verbündeten  in  Südpolen

Die  deutsche  Armee,  die  am  27.  September  durch  die  polhnische
Niederung  vorrückte,  bestand  im  wesentlichen  aus  dem  Garde-Meservekorps,
dem  XI.,  dem  XVII.  und  XX.  Korps,  einer  Anzahl  frischer  Landwehrregimenter,
  die  die  Verluste  Woyrschs  ersetzten,  und  dem  Korps  Frommel,
das  aus  der  35.  Reservedivision  und  der  schlesischen  Landwehrdivision
Bredow  gebildet  wurde.  Das  Landwehrkorps  Woyrsch,  das  nach  seinem
ruhmvollen  Rückzug  von  Turobin  über  den  Sanfluß  auf  den  Leg  von  der
Armee  Dankl  abgerufen  worden  und  mit  der  Nordtruppe  der  1.  Armee  auf
das  Nordufer  der  Weichsel  Übergegangen  war,  machte  die  neue  Angriffsbewegung
  auf  dem  rechten  Flügel  Hindenburgs  mit.  Als  Heereskavallerie
rilt  die  8.  Kavalleriedivision  am  linken  Flügel.  Hindenburg  hatte  sein
Hauptquartier  in  Beuthen  aufgeschlagen,  folgte  aber  der  Armee  auf  dem
Fuße  über  Wolbrom  und  Kielce  nach  Radom.

Im  weglosen,  von  unendlichen  QRegengüssen  heimgesuchten  Cande  sorderte
der  Vormarsch  große  und  schwierige  Vorbereitungen.  Bahnen  und  Straßen
mußten  ausgebessert,  Sprechleitungen  hergestellt,  Etoppen  aus  dem  Boden
gestampft  werden,  eine  technische  Organisation,  die  von  Generalmajor
Ludendorff  mit  zauberhafter  Schnelle  ins  Leben  gerufen  wurde.  Am  30.  September
  hatten  die  Deutschen  schon  die  Linie  Chmielnik—Kielce—ODrzed-=borz—Diotrkow
  erreicht.  Mit  vorgenommenem  rechten  Flügel,  auf  dem
das  XI.  Korps  und  das  Garde--AMeservekorps  in  der  ersten  Linie  standen,  ging
die  Armee  in  Eilmärschen  vor.  Das  XX.  und  das  XVII.  Korps  folgten