Full text : Heinrich der Löwe Herzog von Bayern und Sachsen.

294  Drittes  Buch.  IV:  Befestigung  von  Heinrichs  Macht.

gange  bestimmten  Volksstammes  sehen:  Bestrebungen,  die  doch  schon,  ehe  sie
begannen,  zum  Scheitern  verdammt  waren.

Zu  dem  höchsten  Grade  des  nationalen  Unwillens,  zu  dem  Schmerze  über
die  verlorene  Herrschaft  kam  noch  bei  dem  Fürsten  Pribislaw  der  Kummer
über  das  harte  Los  seines  gefangenen  Bruders.  Noch  immer  schmachtete
Wratislaw,  der  Sohn  der  slawischen  Wälder,  zu  Braunschweig  in  drückenden
Fesseln.  Heimlich  sandte  er  an  seinen  Bruder  und  ließ  ihm  melden:  „Siehe,
ich  liege  hier  im  ewigen  Gefängnisse,  und  du  tust  nichts  für  mich?  AuM,  erhebe
  die  Waffen  und  befreie  mich  mit  Gewalt,  wie  wir  schon  ehemals  unseren
Vater  aus  der  Gefangenschaft  zu  Lüneburg  durch  Verwüstung  des  Christenlandes
  erlöst  haben")!“

Pribislaw  wurde  durch  die  Ermahnungen  des  Bruders  zur  höchsten  Begeisterung
  und  Tatkraft  angefeuert  und  bereitete  einen  allgemeinen  Aufstand
  der  obotritischen,  kissinischen  und  zirzipanischen  Slawen  vor,  der  im
Anfange  des  Jahres  1164  ausbrach.  Ohne  von  den  Christen  bemerkt  zu

17.  werden,  erschien  Pribislaw  mit  einem  starken  Heere  vor  der  Feste  Mecklen-Febr.“)
  burg,  deren  Befehlshaber,  Heinrich  von  Skaten,  nichts  Ubles  fürchtend,  sich
eben  entfernt  und  so  die  als  Vlamen  bestehende  Besatzung  führerlos  gelassen
hatte.  Auf  diesen  Umstand  vertrauend,  forderte  Pribislaw  die  Vlamen  auf,

ihm  die  Stadt  und  das  Land,  das  ja  der  Slawen  altes,  rechtmäßiges  Eigentum

  sei,  friedlich  zu  übergeben;  dann  sollten  alle  ungekränkt  an  die  Grenzen
geleitet,  ihnen  nichts  weggenommen  werden.  Wenn  sie  aber  die  Festung
hartnäckig  verteidigen  wollten,  sollte  kein  Einwohner  von  Mecklenburg  —

so  schwur  Pribislaw  —  verschont  bleiben.  Die  Antwort  der  kühnen  Vlamen

war  ein  Schauer  von  Wurfspießen.  Aber  die  liberzahl  der  Slawen  war  zu
groß.  Nach  hartem  Kampfe  erstürmten  sie  die  Mauern  und  töteten  alle  erwachsenen
  Männer  in  der  Festung.  Die  Weiber  und  Kinder  führten  sie  gefangen
  hinweg  und  zündeten  dann  den  Ort  nach  allen  Richtungen  hin  an?½).

Von  Mecklenburg  zogen  sie  gegen  Jlow,  indes  das  fanden  sie  besser  verwahrt.
  Als  Gunzelin,  der  Oberstkommandierende  in  ganz  Obotritien,  von
dem  Ausbruche  der  Slawen  gehört,  hatte  er  sich  mit  einigen  Rittern  nach
Jlow  geworfen.  Nichtsdestoweniger  war  die  Lage  der  Besatzung  eine  höchst
gefährliche.  Denn  nicht  nur  war  das  flawische  Heer  sehr  groß,  die  Deutschen
konnten  sich  auch  nicht  auf  die  slawischen  Bewohner  der  Stadt  verlassen,  die
zwar  äußerlich  den  Deutschen  alle  Ergebenheit  zeigten,  aber  heimlich  mit
Pribislaw  verabredet  hatten,  ihm  die  Stadt  auszuliefern.  Gunzelin  sah  ein,

 

*).  Daß  der  Vorgang,  auf  den  Wratislaw  hier  anspielt,  uns  von  Helmold  gar  nicht  berichtet
  wird,  ist  in  den  Krit.  Erört.  zu  Buch  II,  Kap.  Id  erwähnt.

“)  Helm.  II,  98:  Eadem  die,  qua  maritimae  regiones  Oceani  tanta  clade  pervastatse
sunt,  accidit  strages  magna  in  civitate  Slavorum  Mikelenburg.  Chr.  Luneb.,  p.1390:
In  demeselven  dage  vvorden  geslagen  to  Mekelenbuch  viele  kerstener  hude.  Chr.
Mont.  Ser.  189:  In  Magnapoli  capta  et  oooisa  est  multitudo  magna  Christianorum
a  Sclavis  XIV.  Kal.  Martii.  —  Ann.  Stederb.,  p.  152.

*“#))  Helm.  II,  98.  —  Theod.  Mon.  Palid.,  p.  93  und  nach  ihm  Ann.  Magdeb.  l.  c.