Blücher: Ersatzfaserstoffe
auch gut färbbare Kleiderstoffe, Wäschezeuge, Gardinen
u. a. m. her. Textilit unterscheidet sich von Textilose
dadurch, daß hier das Papierband mit einem andern
Faserstoff, wie Baumwolle, Flachs usw., zusammen
versponnen, gewissermaßen um diesen herumgewunden
wird. Das Erzeugnis ähnelt mehr als Textilose
reinem Papiergewebe, ist aber viel fester als solches.
Bei beiden Mischerzeugnissen werden sonstige Fasern
nicht ganz erspart, nur in sehr verningerter Menge
verbraucht, aber schon dies hat großen Wert, namentlich
wenn man auch die Zusätze aus Ersatzfaserstoffen,
38 aus Nessel, Ginster usw., zu wählen vermag.
ährend des Krieges konnten gerade diese guten Erzeugnisse
kaun hergestellt werden, weil die Zusatzfasern
gespart werden mußten.
Zellstoffgarne. Auch diese werden aus Zellstoff
(Holzzellulose) gewonnen. Aber der Umweg über die
trocknen Papierbahnen, die dann zerschnitten werden,
wird vermieden; man bildet unmittelbar auf der Papiermaschine
getrennt nebeneinanderliegende schmale
Papierstreifen, die noch feucht als Faserbändchen mittels
sog. Nitschelwerke zu fadennudelartigen, zylindrischen
Fäden zusammengedreht werden. Aus diesem
»Vorgarn« spinnt man sofort weiter die Garne, die
nun erst lufttrocken werden. Im einzelnen gibt es
mehrere Herstellungsverfahren; die eine Fabrik bezeichnet
das Erzeugnis als Zellulon, eine andere
als Zellgarn. Eigenschaften übertreffen die
der Papiergarne bedeutend. Es werden Gewebe aller
Art und Feinheit hergestellt, die sich auch gut färben.
Noch bessere Eigenschaften zeigen die Zellstoff-Mischgarne,
die aus sonstigen Faserstoffen (Baumwolle,
Flachs, Wolle) direkt mit Zellstoff zusammen
versponnen werden. Die Weichheit der aus solchen
Mischgarnen gewebten Zeuge macht fie z. B. zu Unterlleidung
sehr geeignet. Sie sollen aber bei der Verarbeitung
viel von dem zugesetzten Zellstoff verlieren;
läßt sich das nicht beseitigen, so könnten sich diese
Mischerzeugnisse nicht behaupten, deren Verwendung
ja sowieso nur eine Teilersparnis bedeutet.
Stapelfaser. Am höchsten unter den reinen
Kunstfaserstoffen stehen diejenigen, bei denen man
keine gegebene Faserform buß sondern solche neu
schafft. Beim Papier= u. Zellsto sarn dienten immer
noch die Zellulosefäserchen zur lldung der Spinnmasse.
Ganz anders ist es bei der schon lange bekannten
Kunstseidee: sie ist keine „Seidenmasse-, sondern
durch chemische Mittel in Lösung gebrachte Zellulose.
Man spritzt diese Lösung durch feine Düsen in eine
Erhärtungsflüs grei. worin die austretenden Teilchen
zu zarten Fäden erstarren und sofort zu mehreren
zusammen versponnen werden. über die Verfahren
der Kunstseidegewinnung s. Bd. I. S. 302. Nicht erwähnt
ist dort die in letzter gat besonders wichtig gewordene
und jetzt vornehmlich hergestellte sog. Biskoseseide,
bei der die Lösung der Zellulose durch
ein Gemisch von Schwefelkohlenstoff mit Alkali erfolgt.
Die Kunstseide hat sich längst einen geachteten Platz
im Wirtschaftsleben errungen, berägt doch die Welterzeugung
mehr als ½ der Naturseide. Deutschland
erzeugte vor dem Kriege jährlich 2500—30004# Kunsteide
für Krawatten, Blusenstoffe, Bänder, Seidenpitzen,
Borten u. a. m.
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Kann man die Kunstseide nicht gut als neuen Ersatzfaserstoff
befeichnen. so um so mehr die Stapelfaser
(Zellulosegarn; Glanzstoff). Ihre Erzeugung
beruht auf denselben Grundsätzen wie die der Kunstseide,
d. h. auch hier wird Zellulose gelöst und aus
Düsen in eine Erhärtungsstüssigkeit gespritzt. Der
Unterschied besteht darin, daß die Kunstseide endlose
Fäden bildet, während die Fäden der Stapelfaser in
Stücke geschnitten werden. Wie man vom Stapelder
Wolle und Baumwolle spricht, worunter die Länge
der einzelnen Faser verstanden wird, so hat man es
also bei dem neuen Erzeugnis mit Fäden bestimmter
Länge zu tun. Man geht von einer ähnlichen Zelluloselösung
wie bei der Viskoseseide aus, bedarf aber
nicht so weitgehender Reinigung. Die Lösung wird
aus zahlreichen nebeneinanderstehenden Düsen gleicheitig
in die Erhärtungsflüssigkeit hineingepreßt; die
Fäder werden in parallelen Schichten auf Spulen
ewickelt und dann mehrfach durchschnitten. Die
erverarbeitung gleicht der der Wollspinnerei.
Die Garne und Gewebe aus Stapelfaser stehen im
Charakter zwischen Seide und feiner Wolle. Sie
machen einen ausgezeichneten Eindruck, sind gut färbbar,
dagegen zunächst noch wenig widerstandsfähig
beim Waschen. An der Beseitigung dieses Mangels,
den man übrigens schon wesentlich verringert hat,
wird eifrig gearbeitet. Inzwischen hilft man sich durch
Herstellung von Stapelfaser-Mischgeweben.
Die Stapelfaser hat überall die größte Beachtung
gesunden, was sich durch das ganz hervorragende
ussehen der daraus geschaffenen Gewebe ohne
weiteres erklärt. Immerhin ist es übertrieben, wenn
man daraus die Hoffnung schöpfte, daß die Stapelfaser
uns für immer aus der Stoffknappheit erretten
und von jeder Einfuhr an Wolle, vielleicht sogar auch
an Baumwolle, unabhängig machen könnte. Derartige
Hoffnungen hat man 646C ar schon für die Zeit
des Krieges geäußert, wo der Mangel an Chemikalien
jede umfangreichere Stapelfaser= Erzeugung verbot.
Aber auch nach dem Kriege werden wir nie so große
Chemikalienmengen verfügbar machen können, um
mit der damit hergestellten Stapelfaser unsern ganzen
Bedarf an Auslandsfaserstoffen auch nur entfernt zu
decken; denn Deutschland hat 1913 über 580000t
Baumwolle und fast 200000 t Schafwolle (Gesamtwert
zusammen über 1 Milliarde Mark) eingeführt,
von andern Faserstoffen ganz zu schweigen.
Was von der begrenzten Herstellungsmöglichkeit
der Chemilkalien gesagt ist, gilt aber keineswegs vom
Holz, dem Ausgangsstoff aller Papier= und Zellulosearne
sowie Kunstfäden. Bisher werden für alle Eratzfaserstoffe
zusammen kaum 6 Proz. des gesamten
deutschen Holzverbrauchs verarbeitet, und selbst wenn
diese Menge auf das Drei= und Vierfache steigen sollte,
wäre das nicht bedenklich. Der Wert des Holzes wird
durch Verarbeitung zu Spinnfasern um das 15= bis
25 fache= gesteigert. so daß schon die oben genannten
6 Proz. den Rohwert des gesamten deutschen Holzverbrauches
(etwa 35 Mill. chm jährl.) erreichen. Daher
ist es z. B. gerechtfertigt, wenn man im Bauwesen
Holz immer mehr durch Eisen ersetzt. Die Befürchtungen
aber, daß die Entwicklung der Kunstfasersto
nduPtrie nur durch Raubbau an den deutschen
Holzbeständen möglich sei, sind nicht begründet.