Full text : Blätter für Rechtsanwendung. XXXII. Band. (32)

Blücher:  Ersatzfaserstoffe

auch  gut  färbbare  Kleiderstoffe,  Wäschezeuge,  Gardinen
u.  a.  m.  her.  Textilit  unterscheidet  sich  von  Textilose
dadurch,  daß  hier  das  Papierband  mit  einem  andern
Faserstoff,  wie  Baumwolle,  Flachs  usw.,  zusammen
versponnen,  gewissermaßen  um  diesen  herumgewunden
wird.  Das  Erzeugnis  ähnelt  mehr  als  Textilose
reinem  Papiergewebe,  ist  aber  viel  fester  als  solches.
Bei  beiden  Mischerzeugnissen  werden  sonstige  Fasern
nicht  ganz  erspart,  nur  in  sehr  verningerter  Menge
verbraucht,  aber  schon  dies  hat  großen  Wert,  namentlich
  wenn  man  auch  die  Zusätze  aus  Ersatzfaserstoffen,
38  aus  Nessel,  Ginster  usw.,  zu  wählen  vermag.

ährend  des  Krieges  konnten  gerade  diese  guten  Erzeugnisse
  kaun  hergestellt  werden,  weil  die  Zusatzfasern
gespart  werden  mußten.

Zellstoffgarne.  Auch  diese  werden  aus  Zellstoff
(Holzzellulose)  gewonnen.  Aber  der  Umweg  über  die
trocknen  Papierbahnen,  die  dann  zerschnitten  werden,
wird  vermieden;  man  bildet  unmittelbar  auf  der  Papiermaschine
  getrennt  nebeneinanderliegende  schmale
Papierstreifen,  die  noch  feucht  als  Faserbändchen  mittels
  sog.  Nitschelwerke  zu  fadennudelartigen,  zylindrischen
  Fäden  zusammengedreht  werden.  Aus  diesem
»Vorgarn«  spinnt  man  sofort  weiter  die  Garne,  die
nun  erst  lufttrocken  werden.  Im  einzelnen  gibt  es
mehrere  Herstellungsverfahren;  die  eine  Fabrik  bezeichnet
  das  Erzeugnis  als  Zellulon,  eine  andere
als  Zellgarn.  Eigenschaften  übertreffen  die
der  Papiergarne  bedeutend.  Es  werden  Gewebe  aller
Art  und  Feinheit  hergestellt,  die  sich  auch  gut  färben.

Noch  bessere  Eigenschaften  zeigen  die  Zellstoff-Mischgarne,
  die  aus  sonstigen  Faserstoffen  (Baumwolle,
  Flachs,  Wolle)  direkt  mit  Zellstoff  zusammen
versponnen  werden.  Die  Weichheit  der  aus  solchen
Mischgarnen  gewebten  Zeuge  macht  fie  z.  B.  zu  Unterlleidung
  sehr  geeignet.  Sie  sollen  aber  bei  der  Verarbeitung
  viel  von  dem  zugesetzten  Zellstoff  verlieren;
läßt  sich  das  nicht  beseitigen,  so  könnten  sich  diese
Mischerzeugnisse  nicht  behaupten,  deren  Verwendung
ja  sowieso  nur  eine  Teilersparnis  bedeutet.

Stapelfaser.  Am  höchsten  unter  den  reinen
Kunstfaserstoffen  stehen  diejenigen,  bei  denen  man
keine  gegebene  Faserform  buß  sondern  solche  neu
schafft.  Beim  Papier=  u.  Zellsto  sarn  dienten  immer
noch  die  Zellulosefäserchen  zur  lldung  der  Spinnmasse.
  Ganz  anders  ist  es  bei  der  schon  lange  bekannten
  Kunstseidee:  sie  ist  keine  „Seidenmasse-,  sondern
durch  chemische  Mittel  in  Lösung  gebrachte  Zellulose.
Man  spritzt  diese  Lösung  durch  feine  Düsen  in  eine
Erhärtungsflüs  grei.  worin  die  austretenden  Teilchen
  zu  zarten  Fäden  erstarren  und  sofort  zu  mehreren
zusammen  versponnen  werden.  über  die  Verfahren
der  Kunstseidegewinnung  s.  Bd.  I.  S.  302.  Nicht  erwähnt
  ist  dort  die  in  letzter  gat  besonders  wichtig  gewordene
  und  jetzt  vornehmlich  hergestellte  sog.  Biskoseseide,
  bei  der  die  Lösung  der  Zellulose  durch
ein  Gemisch  von  Schwefelkohlenstoff  mit  Alkali  erfolgt.
Die  Kunstseide  hat  sich  längst  einen  geachteten  Platz
im  Wirtschaftsleben  errungen,  berägt  doch  die  Welterzeugung
  mehr  als  ½  der  Naturseide.  Deutschland
erzeugte  vor  dem  Kriege  jährlich  2500—30004#  Kunsteide
  für  Krawatten,  Blusenstoffe,  Bänder,  Seidenpitzen,
  Borten  u.  a.  m.

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Kann  man  die  Kunstseide  nicht  gut  als  neuen  Ersatzfaserstoff
  befeichnen.  so  um  so  mehr  die  Stapelfaser
  (Zellulosegarn;  Glanzstoff).  Ihre  Erzeugung
beruht  auf  denselben  Grundsätzen  wie  die  der  Kunstseide,
  d.  h.  auch  hier  wird  Zellulose  gelöst  und  aus
Düsen  in  eine  Erhärtungsstüssigkeit  gespritzt.  Der
Unterschied  besteht  darin,  daß  die  Kunstseide  endlose
Fäden  bildet,  während  die  Fäden  der  Stapelfaser  in
Stücke  geschnitten  werden.  Wie  man  vom  Stapelder
  Wolle  und  Baumwolle  spricht,  worunter  die  Länge
der  einzelnen  Faser  verstanden  wird,  so  hat  man  es
also  bei  dem  neuen  Erzeugnis  mit  Fäden  bestimmter
Länge  zu  tun.  Man  geht  von  einer  ähnlichen  Zelluloselösung
  wie  bei  der  Viskoseseide  aus,  bedarf  aber
nicht  so  weitgehender  Reinigung.  Die  Lösung  wird
aus  zahlreichen  nebeneinanderstehenden  Düsen  gleicheitig

  in  die  Erhärtungsflüssigkeit  hineingepreßt;  die

Fäder  werden  in  parallelen  Schichten  auf  Spulen
ewickelt  und  dann  mehrfach  durchschnitten.  Die
erverarbeitung  gleicht  der  der  Wollspinnerei.

Die  Garne  und  Gewebe  aus  Stapelfaser  stehen  im
Charakter  zwischen  Seide  und  feiner  Wolle.  Sie
machen  einen  ausgezeichneten  Eindruck,  sind  gut  färbbar,
  dagegen  zunächst  noch  wenig  widerstandsfähig
beim  Waschen.  An  der  Beseitigung  dieses  Mangels,
den  man  übrigens  schon  wesentlich  verringert  hat,
wird  eifrig  gearbeitet.  Inzwischen  hilft  man  sich  durch
Herstellung  von  Stapelfaser-Mischgeweben.

Die  Stapelfaser  hat  überall  die  größte  Beachtung
gesunden,  was  sich  durch  das  ganz  hervorragende

ussehen  der  daraus  geschaffenen  Gewebe  ohne
weiteres  erklärt.  Immerhin  ist  es  übertrieben,  wenn
man  daraus  die  Hoffnung  schöpfte,  daß  die  Stapelfaser
  uns  für  immer  aus  der  Stoffknappheit  erretten
und  von  jeder  Einfuhr  an  Wolle,  vielleicht  sogar  auch
an  Baumwolle,  unabhängig  machen  könnte.  Derartige
  Hoffnungen  hat  man  646C  ar  schon  für  die  Zeit
des  Krieges  geäußert,  wo  der  Mangel  an  Chemikalien
jede  umfangreichere  Stapelfaser=  Erzeugung  verbot.
Aber  auch  nach  dem  Kriege  werden  wir  nie  so  große
Chemikalienmengen  verfügbar  machen  können,  um
mit  der  damit  hergestellten  Stapelfaser  unsern  ganzen
Bedarf  an  Auslandsfaserstoffen  auch  nur  entfernt  zu
decken;  denn  Deutschland  hat  1913  über  580000t
Baumwolle  und  fast  200000  t  Schafwolle  (Gesamtwert
  zusammen  über  1  Milliarde  Mark)  eingeführt,
von  andern  Faserstoffen  ganz  zu  schweigen.

Was  von  der  begrenzten  Herstellungsmöglichkeit
der  Chemilkalien  gesagt  ist,  gilt  aber  keineswegs  vom
Holz,  dem  Ausgangsstoff  aller  Papier=  und  Zellulosearne

  sowie  Kunstfäden.  Bisher  werden  für  alle  Eratzfaserstoffe
  zusammen  kaum  6  Proz.  des  gesamten
deutschen  Holzverbrauchs  verarbeitet,  und  selbst  wenn
diese  Menge  auf  das  Drei=  und  Vierfache  steigen  sollte,
wäre  das  nicht  bedenklich.  Der  Wert  des  Holzes  wird
durch  Verarbeitung  zu  Spinnfasern  um  das  15=  bis
25  fache=  gesteigert.  so  daß  schon  die  oben  genannten
6  Proz.  den  Rohwert  des  gesamten  deutschen  Holzverbrauches
  (etwa  35  Mill.  chm  jährl.)  erreichen.  Daher
  ist  es  z.  B.  gerechtfertigt,  wenn  man  im  Bauwesen
  Holz  immer  mehr  durch  Eisen  ersetzt.  Die  Befürchtungen
  aber,  daß  die  Entwicklung  der  Kunstfasersto
  nduPtrie  nur  durch  Raubbau  an  den  deutschen
Holzbeständen  möglich  sei,  sind  nicht  begründet.