Deutschland (ohne Preußen). 93
dringen uns berufen fühlen, unbekümmert um größere oder geringere
Wahrscheinlichkeit des Erfolges, hat seinen Grund nicht etwa in Willkür,
sondern in dem tiefern Gefühle der Pflicht, und diese Pflicht haben wir,
weil Jeder von uns nicht nur ein Badener, sondern immer auch zugleich
ein Deutscher ist; und haben sie doppelt, weil wir deutsche Regierungen
sind, die allein mit Erfolg diese Frage einer richtigen Lösung zuführen können.
Wir können nicht, wollen und dürfen nicht dulden, daß diese Frage immer
nur auf den Straßen und in Vereinen, und in Herzen und Köpfen Aller,
und nirgendswo in geschäftlicher Behandlung betrieben werde. So lange
ich wenigstens diese Stelle einnehme, werde ich nicht anhalten,
der Erreichung des großen Ziels, diesem Volke eine
seinen gerechten Ansprüchen entsprechende höchste Bundesgewalt
zu schaffen, mit Offenheit, mit Muth und Beharrlichkeit
zuzustreben. Was denken wir uns aber unter diesem Ziele?
Was ist der Gedanke dieser unserer Politlk? — Nun, wir wollen dem Bedürfnisse
in dem Maße, wie es vorliegt, Befriedigung schaffen. Was ich
aber für das Bedürfniß halte, darüber will ich meine Meinung nicht zurückhalten,
da ich in der Lage bin, Vorschlägen der Lösung entgegenzutreten,
deren Inhalt dahin geht, dem deutschen Volke
statt eines Stückes Brot für seinen Hunger einen Stein zu
bieten. — Der Kern der Frage liegt, nach unserer Meinung, in der
Schaffung einer obersten Bundesregierung, welche die Kraft und den Willen
hat, den nationalen gemeinsamen Interessen des deutschen Volkes gegenüber
allen Einzelinteressen Geltung zu verschaffen. Es ist von anderen Seiten,
und neuerdings sogar von elner deutschen Regierung ein Vorschlag gemacht
worden, der gut gemeint sein mag, und wenigstens das Verdienst hat,
das Bedürfniß einer Reform eben so rückhaltslos zuzugestehen. Es sind
von Seiten anderer Regierungen Ausdrücke gefallen, als ob sie gegen eine
Vertretung am Bunde nichts einzuwenden hätten. Man hat überhaupt die
Frage der Volksvertretung am Bunde als Ableiter der Gefahr des Verlangens
einer Centralgewalt zu gebrauchen versucht. Ich meinerseits werde
immer gegen die Ausführung solcher Plane sein, welche nur eine Gefahr
und keinerlei Elemente einer Lösung bringen, so lange die Frage einer
Bundesregierung unerledigt ist. Es ist nicht zweifelhaft, daß, wenn wir
mitten aus unsern verdorbenen politischen Zuständen heraus eine Vertretung
an den Bund berufen würden, wir dadurch nur den Zwiespalt verstärken
würden, der am Bund zu Tage tritt, und nicht die Idee nationaler Einheit
würde eine Verwirklichung erfahren, sondern höchstens der Widerspruch
aller Interessen, der Krieg Aller gegen Alle zum Vorschein kommen. Eine
parlamentarische Versammlung gegenübergestellt einer Behörde ohne Verantwortung,
ohne Willen, die nichts darstellt, als den Widerspruch von
35 Stimmen, könnte nur mit einem Schiffbruch enden, was Denen,
welche diese Idee so sehr befördern, vielleicht nicht am unliebsten wäre.
„Indem ich damit sage, was wir wollen, habe ich nicht nöthig, Alles
auszuschließen, was wir nicht wollen können. Wir wollen keinen Einheitsstaat,
und so wenig wollen wir ihn, daß wir zuvorderst in den
Reihen Derer stehen, welche für Vertheidigung des wichtigsten Attributes
künftigen Fortbestandes der Einzelstaaten, für ihr unbeschränktes Gesetzgebungsrecht
in die Schranken treten, wobei wir freilich in den lebhaften
Widerstreit mit Andern gerathen, die verschwenderisch freigebig mit diesen
reellsten aller Regierungsbefugnisse umgehen, um den Schein zu retten, den
sie für das Wesen der einzelstaatlichen Souveränität halten. Wir wollen
aber auch keine Annexion und werden unsererseits nicht zugeben, daß
die Selbständigkeit des Staats, für den wir zu sorgen haben, irgend dem
politischen Vergrößerungsbedürfniß eines anderen Staates zum Opfer falle.
Nicht minder sind wir dem Unionsgedanken, wie er sich früher ausgebildet,