Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achter Jahrgang. 1892. (33)

170  Jas  Venuische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  23.)

mögen.  Man  hat  jetzt  viel  —  und  zu  meinem  Bedauern  viel  von  unberufener
  Seite  —  über  diese  Dinge  geschrieben.  Da  find  die  merkwürdigsten
Behauptungen  aufgestellt  worden:  der  Dreibund  läge  militärisch  sehr  glücklich,
  er  wäre  auf  der  inneren  Linie  und  es  wäre  nichts  leichter,  als  die
Italiener,  wenn  es  notwendig  wäre,  hierher  zu  bringen,  uns  auch  vielleicht
nach  Italien,  um  dann  gemeinsam  irgendwo  über  einen  schwächeren  Gegner
herzufallen.  Es  kann  meine  Aufgabe  nicht  sein,  hier  einen  Kursus  über
Strategie  zum  besten  zu  geben.  Ich  kann  mich  auf  die  Versicherung  beschränken,
  daß  bei  diesen  Erörterungen  Ansichten  zu  Tage  gekommen  sind,
die,  wenn  sie  jemand  vorbrächte,  der  das  Examen  zur  Kriegsakademie  machen
soll,  er  sicherlich  nicht  zugelassen  werden  würde.  Jeder  Koalitionskrieg  hat
seine  Schwierigkeiten.  Wir  haben  Schwierigkeiten,  die  ein  einfacher  Blick
auf  den  Atlas  ergeben  kann:  auf  der  einen  Seite  springt  das  Gouvernement
  Warschau  sehr  tief  zwischen  Galizien  und  Ostpreußen  ein  und  auf  der
anderen  Seite  die  Schweiz  mit  ihrer  international-garantierten  und  unantastbaren
  Neutralität.  Das  allein  sind  Umstände,  die  einen  gemeinsamen
Gebrauch  der  Truppen  überaus  erschweren  würden,  selbst  wenn  man  in
einen  solchen  gemeinsamen  Gebrauch  überall  einwilligte.  Auch  hier  hat
man  einen  Einwand  gemacht  und  hat  gesagt:  ja,  warum  soll  Deutschland
immer  weiter  rüsten,  nun  laßt  doch  einmal  die  Italiener  und  Oesterreicher
antreten  und  es  Sache  der  deutschen  Regierung  sein,  daß  sie  dafür  sorgt,
daß  Oesterreich  und  Italien  auch  das  ihrige  thun.  Ich  glaube,  daß  das
das  Verkehrteste  wäre,  was  wir  thun  können.  Die  deutsche  Regierung  hat
sich  von  jeher  gescheut,  in  die  inneren  Angelegenheiten  anderer  Staaten  einzugreifen,
  sie  hat  diese  Scheu  auch  noch  jetzt,  und  ob  wir  etwas  anderes
durch  solche  vermeintlichen  guten  Ratschläge  erreichen  würden,  als  unsere
Verbündeten  zu  verstimmen,  ist  mir  sehr  fraglich.  Ich  glaube,  es  ist  viel
besser,  daß  sie  sich  auf  uns  verlassen,  ebenso  wie  wir  uns  auf  sie  verlassen,
und  sind  ebenso  überzeugt,  wie  sie  es  sein  können,  daß,  wenn  einmal  der
große  Krieg  kommen  wird,  alle  drei  Staaten  ihr  bestes  einsetzen  werden.
Uebrigens  lassen  sich  solche  Bündnisse  in  Betreff  auf  die  Truppenzahl  gar
nicht  kontingentieren.  Wenn  Deutschland  und  Oesterreich  eine  Campagne
in  Schleswig-Holstein  anfangen,  so  kann  man  sehr  wohl  sagen:  ich  stelle  so
viel  und  du  stellst  so  viel.  Das  ist  bei  einem  Zukunftskriege  ausgeschlossen,
das  ist  ausgeschlossen  bei  einem  Bündnis,  das  nicht  auf  den  Krieg  geschlossen
  ist,  sondern  auf  die  Erhaltung  eines  langen  Friedens.  Wenn  wir
wirklich  bestimmte  Zahlen  im  Bündnis  festgesetzt  hätten,  wer  stände  uns
dann  dafür  —  den  Fall,  daß  unsere  Bundesgenossen  nicht  gewillt  sein
sollten,  sich  gegenseitigt  mit  dem  Aeußersten  zu  unterstützen,  halte  ich  allerdings
  für  undenkbar  —  daß  doch  nicht  einmal  einer  sagt:  „ich  brauche  so
und  so  viel  Armeecorps,  um  meine  Küsten  zu  schützen,  oder  um  da  und  da
eine  Reserve-Armee  aufzustellen.“  Gegen  eine  solche  Verwendung  würde
auch  eine  Kontingentierung  des  Bündnisses  niemals  schützen  können.  Immer
wird  das  bestehen  bleiben,  daß  wir  im  Dreibund,  wenn  es  zum  Kriege
kommt,  die  Hauptlast  auf  unsere  Schultern  zu  nehmen  haben.  Das  ist
auch  insofern  keine  Unbilligkeit,  als  wir  von  den  drei  Staaten  der  einzige
sein  werden,  der  genötigt  ist,  nach  zwei  Seiten  zu  schlagen.  Wenn  man
nun  die  Sache  so  ansieht,  wie  ich  versucht  habe,  es  hier  zu  entwickeln,  so
entsteht  die  weitere  Frage:  wie  ist  es  nun  gekommen,  daß  Deutschland  in
eine  Lage  versetzt  worden  ist,  in  der  es  die  militärische  Suprematie  über
Europa,  die  es  in  den  Jahren  1870·71  hatte,  verloren  hat?  Das  ist  gekommen
  auf  eine  sehr  einfache  Weise,  ohne  jede  Schuld  seitens  Deutschlands
  und  der  deutschen  Verwaltung.  Die  deutsche  Armee  und  das  deutsche
Volk  haben  seit  dem  Jahre  1870  nicht  auf  ihren  Lorbeeren  geruht,  sie