Volltext : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

Sortichritte  der  Naturerfenntnis  und  der  politifchen  Theorien.  55

Sohn  Lode  und  Thomas  Hobbes  bahınten  durch  die  Begründung
diefer  wichtigen  Beziehungen  einer  fortjchrittlichen  Richtung  auch  im
Gebiet  der  praftiichen  Bolitif  und  der  Staatsverwaltung  den  Weg.
Überall  wuchlen  neue  Ideen  aus  Keimen  in  die  Höhe,  die  fchon  in
der  erjten  Hälfte  des  SahrhundertS  mächtig  trieben.  Sn  Deutjchland
  konnten  fie  freilich  in  diefer  unglüclichen  Zeit  noch  nicht  die
Pflege  finden,  wie  in  England,  wo  das  mächtige  Ringen  um
politische  Freiheit,  oder  in  Frankreich,  wo  das  Selbftbeipiegelungsbedürfnis
  eines  glänzenden  und  mächtigen  Königtums  fie  begünftigten.
  Biel  mühlamer  als  in  diejen  Ländern  war  in  Deutjchland
der  Weg  zum  Licht,  und  namentlich  in  einem  wichtigen  Teile
Deutfchlands,  den  dfterreichiichen  Landen,  war  von  der  ‘yreibeit,
deren  die  Wiffenichaft  bedarf,  nicht  die  Nede.  ES  zeigte  fich  nicht
lofort,  blieb  aber  nicht  lange  verborgen,  Daß  e3  der  proteftantiiche
Teil  der  Nation  war,  bei  dem  das  wifjenichaftliche  Streben  mehr
und  mehr  eine  Macht  wurde,  und  daß  er  die  rein  Ffatholiichen
Territorien  darin  und  in  alledem,  was  daraus  folgte,  zu  überflügeln
  begann.  Das  proteftantiiche  Deutjchland  ftellte  auch  den
alljeitigen  Geift,  der  da8  Wagnis  unternahm,  das  erforichte  Einzelne,
das  jein  Genie,  feine  ungeheure  Gelehrjamfeit  und  raftlos  vielfeitige
Tätigkeit  fich  angeeignet  hatte  und  wie  fein  anderer  beherrichte,  in
einer  großen  philofophiichen  Konzeption  zujammenzufaffen  —  Gottfried
  Wilhelm  Leibniz.  Ihn  beichäftigte  unter  taufend  anderen  Dingen
auch  das  ideologische  Brojeft  einer  Berichmelzung  oder  Vermittlung
oder  Verföhnung  der  beiden  Neligionsparteien,  das  gegen  Ende  des
fiebzehnten  Jahrhumdert3  an  manchen  Orten  gleichzeitig  Die  Geifter
anregte  und  zu  einem  freilich  unfruchtbaren  Gedanfenaustaufc)
veranlaßte.  Sie  erkannten  mit  Recht  den  Grund  der  tiefen  Schwäche
des  Neih&  in  dem  Zwiefpalt  der  Konfeifionen,  der  doch  jo,  wie
die  Menjchen  und  die  Verhältniffe  einmal  waren,  fich  nicht  bejeitigen
  ließ:  fchon  deshalb  nicht,  weil,  abgejehen  von  dem  Feljenboden
  der  Fatholifchen  Kirche,  auch  in  der  proteftantifchen  Welt
jelbjt  noch  das  einfache,  fchlichte,  tiefe  Chriftentum  an  eine  Tutheriihe
  oder  calvinifche  oder  fonftwelche  Firchliche  Orthodorie  ge-