Full text : Zwischen Krieg und Frieden. Band 11. Das Deutsche Elend in London. (11)

Minute,  und  jeder  hereinbrechende  Abend  erneuert  und  vermehrt
  die  Unruhe  und  Qualen.  Die  Fragen,  Gedanken
und  Sorgen  werden  immer  hastender!

Wie  unheimliche  Nachtvogel,  deren  man  nicht  Herr
werden  kann,  stürmen  täglich  von  neuem  wieder  dieselben
Fragen  auf  einen  ein,  und  in  demselben  Kreislauf,  der
schon  an  Wahnsinn  grenzt,  wiederholen  sich  dieselben  —
unbeantwortet,  hoffnungslos.  „Wie  lange  noch?  Noch  acht
Tage!  Noch  einen  Monat!  Noch  ein  Jahr  so7  Noch  länger?
Bleiben  wir  hier  in  diesem  Stall?  Wie  wird  es,  wenn  der
Winter  kommt!"  Kann  es  wohl  noch  schlimmer  werden!?
Wie  geht  es  Weib  und  Kind?  Leben  sie  noch?  Haben  sie
noch  zu  leben?  Wie  lange  noch!  Wie  lange  noch?  Und
das  Vaterland?  Und  die  Not  der  Brüder,  denen  man
nicht  helfen  kann!“  Und  dann  preßt  man  seine  Hand
aufs  Herz,  um  den  wahnsinnigen  Kreislauf  zu  beruhigen!
Aber  es  kommt  keine  Antwort,  und  so  geht  es  Stunde  um
Stunde,  erneut  dieselben  Fragen!  Wieder  keine  Antworr!
So  geht  es  Woche  um  Woche!  Ich  habe  nie  geahnt,  daß
die  Dunkelheit  so  schauerlich  sein  kann,  daß  die  Dunkelheit
in  einem  Menschen  Dinge  wachruft,  die  an  Wahnsinn
grenzen,  und  nur  der,  der  einmal  in  seinem  Leben  selbst
gefühlt  und  empfunden  hat,  wie  es  in  den  Herzen  unserer
Deutschen  dort  drüben  aussieht,  nur  der  ahnt  die  Seelenqualen,
  die  dort  drüben  in  der  schweren  Zeit  gelitten
werden.

Vergeßt  die  Brüder  nicht,  die  da  druben  —  wie  lange
noch  —  einen  Heroismus  aufbringen  müssen,  um  nicht  zu
verzweifeln,  um  nicht  irre  zu  werden,  einen  Heroismus,  der
nicht  leichter  ist,  als  der  der  Mutter,  die  den  letzten  Sohn

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