Full text : Preußische Geschichte. Erster Band. (1)

:#308  Zweites  Buch.  Die  erste  hohenzollerusche  Staatogründung.

Im  Herbst  zog  der  Kurfurst  abermals  nach  Preußen;  auf  die
Moeldung,  daß  ein  Einverständnis  erzielt  sei,  ritt  er  von  da  mit
*100  Gewaffneten,  welche  die  drei  Städte  Königsberg  stellten,
nach  Warschan.  Am  6.  November  empfing  er  die  Belehnung:
heimkehrend  zog  er  am  26.  in  Rönigoberg  festlich  ein.  Zm
April  1611  erschienen  dort  polnische  Kommissare,  um  die  Anmeisung
  des  Platzes  für  die  katholische  Kirche  zu  überwachen
und  die  Eventnalhuldigung  der  Stände  entgegenzunehmen,  da
beim  Erloschen  der  Hohenzollern  Preußen  an  Polen  fallen
sollte.  Auch  die  stipulierte  Einführung  des  Gregorianischen  Kalenders
  im  Herzogtum  fand  damals  statt.  Worin  aber  trotz
der  Zugeständnisse  an  die  Katholiken  die  Bedentung  des  Vorganges
  lag,  lehrte  der  Protest  des  Papstes  gegen  die  Belehnung:
es  war  endlich  einmal  ein  Fortschritt  der  evangelischen  Sache
zu  größerer  Sicherheit.  Es  war  zudem  kein  Kleines,  daß  in
Preußen  zuerst  ein  friedliches  Nebeneinander  der  Konfessionen
durchgesetzt  und  das  traurige  Prinzip  des  „ujus  regio,  ejus
religio'  durchbrochen  wurde.  Auch  nahmen  die  Stände  daran
weniger  Anstoß  als  an  des  neuen  Rurators  Freundschaft  mit
den  calvinistischen  Pfälzern  und  Oraniern.  Ausdrücklich  ließen
sie  sich  von  Polen  verbriefen,  es  sollten  weder  Calvinisten  noch
Wiedertäufer  je  im  Lande  geduldet  werden.  Selbst  die  Kurfürstin
  Anna  mißbilligte  es  offen,  alo  Kurprinz  Georg  Wilhelm
  nach  Heidelberg  ging,  die  Ehe  mit  einer  Pfälzerin  anbahnte
  und  in  Cleve  sich  eng  mit  Markgraf  Ernst  verband,
der  als  der  erste  seineo  Hanses  zum  reformierten  Bekenntnis
übergetreten  war,  und  rief  im  geheimen  des  Kaisers  Hilfe  an.
Mußte  dieses  Luthertum  Johann  Sigiomund  nicht  wie  eine
Gefahr  für  die  Zukunft  seines  Hauses  erscheinen?  Und  bald
sollte  ein  anderer  Vorgang  die  Unvereinbarkeit  dieser  Art  von
Bekenntniotreue  mit  einer  zielbewußten  Politik  erweisen.

Die  jülichsche  Sache  verschlang  sich  immer  mehr.  Seit
Rudolf  II.  auch  als  Kaiser  durch  Matthias  ersetzt  war,  suchte
man  auf  einem  anderen  Wege  in  Prag  den  beiden  possedierenden
Fürsien,  die  trotz  aller  Differenzen  noch  zusammenhielten,  beizukommen
  und  unter  geschickter  Verschiebung  des  Streitpunktes
der  katholischen  Neaktion  eine  Handhabe  zu  bieten.  Als  viele