266 Nochmals Blut und Eisen.
schied sich der Kurfürst für Stettin; unter Beachtung höflichster Formen wurde
er dorthin abgeführt.
Während die Kurhessen geneigt waren, die Preußen als Befreier zu
begrüßen, da der wenig beliebte Monarch durch die Mißwirtschaft seiner Regierung
längst das Zutrauen seiner Landeskinder eingebüßt hatte, hing die
Mehrzahl der Hannoveraner in Treue an ihrem angestammten Fürstenhause.
König Georg genoß wegen seiner Leutseligkeit, Herzensgüte und großmütigen
Freigebigkeit die Liebe der Mehrheit seines Volkes; für ihn schlug weit über
das Weichbild der Hauptstadt hinaus, die ihm vieles verdankte, eine große
Anzahl anhänglicher Herzen. Wenn manche Hoffnungen, die man an das
wohlmeinende Schalten und Walten des Fürsten geknüpft hatte, unerfüllt
geblieben waren, so entschuldigte man dies mit der Blindheit des Königs und
seiner Abhängigkeit von oft übelberatenen und -beratenden Ministern und
andern Personen des königlichen Vertrauens. Letztere waren es, welche ihn
in seinem Wahnglauben an die unvergängliche Herrlichkeit des Welfenthrones
bestärkt hatten.
Auch der größere Teil der Bewohner des Herzogtums Nassau, von dem
kurze Zeit nachher die Preußen ebenfalls Besitz ergriffen, sah den angestammten
Landesherrn ungern scheiden und erblickte, gleich den sich schroff ablehnend
verhaltenden Frankfurtern, in den einrückenden „Pickelhauben“ unerbetene
Gäste und Eindringlinge. Jahr und Tag vergingen, ehe die selbstbewußte
Bürgerschaft der alten Freien Reichsstadt, die sich auf ihre Jahrhunderte alte
Selbständigkeit viel zu gute that, sich an den Gedanken dauernder Einverleibung
in den Staat Friedrichs des Großen zu gewöhnen vermochte.
Man konnte früher öfter die Ansicht aussprechen hören, daß auch die
Einverleibung Sachsens in den preußischen Staat damals eine bestimmt beschlossene
Sache gewesen sei. Dies ist unrichtig. Noch weniger richtig ist,
daß einem solchen Anschluß die Mehrheit des sächsischen Volkes zugestimmt
haben würde. Ein Staatsmann, der den damaligen Verhältnissen sehr nahe
stand, Herr von Friesen, bestätigt dies. „Die ganz überwiegende Mehrheit
des sächsischen Volkes“, äußert er in seinen Denkwürdigkeiten, „wollte unbedingt
die selbständige Erhaltung des Landes und des Königs, aber es
bestand nichts weniger als eine politische Gegenfüßelei in bezug auf Preußen.
Die Unterhaltung eines festen und treuen Zusammengehens mit Preußen, an
welches wir einmal durch die Lage des Landes und die Natur der Verhältnisse
gewiesen sind, wurde von der überwiegenden Mehrheit des Volkes
als die notwendige Basis der Politik Sachsens angesehen und verlangt.“
Davon fühlten sich auch schon früher die maßgebenden Kreise durchdrungen,
und die von König Johann nach seiner Entfernung aus Sachsen bestellten
Mitglieder der „Landeskommission“ waren von dem Gedanken des königlichen
Ratgebers von Beust, Sachsen, wenn nötig mit Hilfe französischer Vermittelung,
an den in Aussicht genommenen „Südbund“ anzuschließen, geradezu
mit Bestürzung erfüllt. Der von Bayern verfolgte Plan zur Bildung eines
unabhängigen „Süddeutschen Bundes“ unter der Leitung Bayerns und eines