Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenundzwanzigster Jahrgang. 1911. (52)

208  HNas  Neuische  Reich  mnd  seine  eintelnen  Glieder.  (November  9.)

Nicht  nur  staatsrechtliche  und  bureaukratische  Fragen  sollten  hier  maßgebend
sein.  Man  sollte  dem  Empfinden  des  deutschen  Volkes  Rechnung  tragen,
das  sein  Recht  heischt,  auch  wenn  es  ihm  die  Verfassung  nominell  nicht
geben  sollte.  (Lebh.  Beifall  im  ganzen  Hause.)  Es  gibt  auch  ein  nationales
Empfinden  in  diesen  Lebensfragen,  die  Nation  ist  mündig  geworden  und
wir  wollen  mitsprechen  auch  als  Gesetzgeber.

Nachdem  die  Angelegenheit  viele  Monate  erörtert  ist  und  die  Erregung
  darüber  noch  heute  nachzittert,  erachte  ich  eine  Besprechung  und
ausgiebige  Kritik  der  Handlungsweise  der  Regierung  nicht  nur
als  unser  Recht,  sondern  als  unsere  patriotische  Pflicht.  Das  Ansehen  der
Regierung  wird  durch  eine  sachliche  Kritik  nicht  geschädigt.  Aus  allen
Parteien  heraus,  jedenfalls  aus  allen  bürgerlichen  Parteien  erschallt  seit
langem  der  Notschrei  über  das,  was  hier  zu  unserm  Nachteil  zum  Abschluß
gekommen  ist.  Davon,  der  Regierung  in  den  Rücken  zu  fallen,  wie  Herr
v.  Heydebrand  meinte,  ist  nicht  die  Rede;  wir  verlangen  eine  sachliche  und
objektive  Kritik  und  Erwägung  dessen,  was  Deutschland  genützt  hätte,  und
dieses  Programm  ist  auch  von  Herrn  v.  Heydebrand.  akzeptiert.  Er  selbst
hat  in  Breslau  auch  kein  Blatt  vor  den  Mund  genommen,  er  hat  in  Tönen
schärfster  Kritik  dort  von  der  Regierung,  von  dem,  was  aus  dem  Ansehen
Deutschlands  in  der  Welt  geworden  sei,  gesprochen.  Agadir  und  seine
Folgen  und  das  jetzige  Doppelabkommen  sind  nach  meiner  Meinung  nicht
der  Abschluß  der  bisherigen  Marokko-Politik.  Herr  v.  Hertling  warf  der
Bülowpolitik  gegenüber  Marokko  Inkonsequenz  vor.  Das  ist  nicht  der  Fall;
sie  mag  in  manchen  Punkten  nicht  richtig  gewesen  sein,  aber  sie  ist  konsequent
durchgehalten  worden,  und  es  war  die  Fortführung  der  Bismarckschen
Marokko-Politik.  Ob  Bismarck  heute  noch  daran  festhielte,  ist  eine  andere
Frage.  Man  konnte  damals  nicht  voraussehen,  welches  große  Soldatenreservoir
  Marokko  bildet,  welche  wirtschaftlichen  Werte  in  Marokko  stecken,
daß  Frankreich  zur  islamitischen  Vormacht  in  Nordafrika  werden  würde.
Fürst  Bülow  hat  1905  und  1907  immer  wieder  die  Grundzüge  der  Marokko-Politik
  auseinandergesetzt:  keine  territoriale  Erwerbung,  Anerkennung  der
Souveränität  des  Sultans  und  der  Integrität  des  Scherifischen  Reiches,
die  offene  Tür  für  uns.  Mit  diesem  klaren  Programm  waren  auch  die
großen  Parteien  des  Reichstages  einverstanden.  Auch  was  der  Kaiser  in
Tanger  gesagt  und  wiederholt  hat,  ist  vorher  und  nachher  von  dem  Fürsten
Bülow  gesagt  worden;  daß  diese  Aeußerung  des  Monarchen  den  mächtigsten
Eindruck  in  der  ganzen  islamitischen  Welt  machen  mußte,  ist  selbstverständlich.
Heute  ist  diese  Politik  preisgegeben,  wir  haben  ein  französisches  Protektorat
über  Marokko,  wir  haben  dort  unsere  Position  geräumt.  In  der  Oeffentlichkeit,
  in  Aeußerungen  der  Presse  und  von  Parlamentariern  setzte  nunmehr
eine  gewisse  Tendenz  ein,  die  ganze  Misere,  die  sich  in  diesem  Abkommen
widerspiegelt,  auf  die  frühere  Periode  Bülowscher  Politik  zurückzuführen.
Sollte  Fürst  Bülow  1905  den  richtigen  Moment  versäumt  haben?  Hätte
er  damals  ein  günstigeres  Abkommen  mit  Rouvier  schließen  können?  Diese
Frage  ist  zu  verneinen,  sie  ist  auch  vom  Fürsten  Bülow  verneint  worden,
der  das  angesichts  der  allgemeinen  politischen  Situation  für  unmöglich  hielt.
Zunächst  war  das  Programm  durch  die  Rede  des  Kaisers  feierlich  festgelegt
worden,  dann  aber  verboten  auch  unsere  ganzen  Beziehungen  gegenüber  der
Türkei  und  dem  Islam  eine  Politik,  welche  in  der  Aneignung  eines  Stückes  von
Marokko  bestand.  Das  war  der  größte  Gesichtspunkt  des  Fürsten  Bismarck,
der  ist  heute  bei  der  Rede  des  Herrn  v.  Bethmann  Hollweg  nicht  mehr
zutage  getreten.  Es  gibt  eben  nicht  nur  Kongofragen,  es  gibt  auch  eine
große  Orientpolitik,  die  wir  seit  20  Jahren  mühsam  aufgebaut  haben  und
die  heute  durch  dieses  Abkommen  zerstört  ist.  Ein  Angebot  Frankreichs