Roslland. (Februar 16.—März 13.) 433
reichische. Das ließe ich durch Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären
auf der Balkanhalbinsel, wie sie faktisch schon vorliege, wohl erreichen.
„Wegen Bulgariens werden wir uns mit Rußland nicht schlagen,
wenn die Leiter der russischen und unfrer Politik es verstehen werden, die
eheimen Aufstachelungen des deutschen Kanzlers abzuweisen, der augen-Shinlich
bemüht ist, das drohende Gespenst eines österreichisch-russischen
Krieges auf die Bühne zu zerren.“ Siege dann Oesterreich, so sei Rußland
geschwächt, das Bismarck mehr fürchte als Frankreich — unterliege es, so
werde er in der Liquidation des habsburgischen Kaiserreiches den ganzen
Westen für Deutschland wegzunehmen trachten und dann buchstäblich à cheval
ganz Europa auf dem Rücken sitzen. Das deutsch-österreichische Bündnis
werde verschwinden, sobald die höchsten Kreise das Phantomhafte desselben
einsehen würden. Auch Rußland werde ein Bündnis mit Oesterreich einem
solchen mit Deutschland vorziehen. Der Panfslawismus erschrecke in Oesterreich
niemand so wie Bismarck, der aus Furcht davor die Polenausweisungen
verfügt habe. Schade, daß Rußland diesen günstigen Augenblick, um billigen
Preis die polnischen Sympathieen zu gewinnen, versäumt habe.
Rieger sucht diese Aeußerungen abzuleugnen, doch der Russki
Kurjer setzt diese Mitteilungen am 24. fort und erhält seine Angaben
aufrecht.
16. Februar. (Bulgarien.) Ein heftiger Artikel Katkows
in den „Moskowskija Wjedomosti“ tadelt die russische Politik
betreffs Bulgariens und klagt über den Mißerfolg derselben in Konstantinopel.
Er findet den Sitz des Uebels in den Instruktionen,
welche Nelidow aus Petersburg erhalten und in dem engherzigen
Geiste der russischen Diplomatie.
20. Februar. (Auswärtige Politik.) Der Brüsseler „Nord“
veröffentlicht über die künftige rusfische Politik eine Auseinandersetzung,
welche, wie das Blatt ausdrücklich bemerkt, die Ansichten des Herrn
v. Giers wiedergibt.
Darnach werde Rußland in der nächsten Zeit ausschließlich die Vor-Hnge
am Rhein überwachen und die Orientfrage erst in zweiter Linie in
etracht ziehen. Das Interesse Rußlands verbiete, einem möglicherweise
ausbrechenden neuen deutsch-französischen Kriege mit der gleichen wohlwollenden
Neutralität zuzusehen wie 1870, da das St. Petersburger Kabinett eine
neuerliche Schwächung Frankreichs unter keinen Umständen zulassen könne.
Um für diesen Fall. gurn Hand zu haben, werde Rußland jeden Konflikt
mit Oesterreich und England vermeiden und die bulgarischen Vorgänge ihre
Entwicklung nehmen laßten.
11. März. Aus Petersburg wird an den franzößischen Kriegsminister
General Boulanger ein prachtvoller Kosakensäbel mit
der russischen Inschrift: „Wage, dem Kühnen hilft Gott!“ gesandt.
13. März. (Attentatsversuch.) Auf den Newsky Prospekt
in St. Petersburg werden 3 Petersburger Studenten verhaftet, welche
mit Sprengbomben bewaffnet den Schlitten des Zaren erwarten.
Die Verhaftung derselben hat noch weitere umfangreiche Verhaftungen
Europ. Geschichtskalender. XXV. Bd. 28