Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 19.—24.) 65
bringer (natl.) 4581 und Buchdruckereibesitzer Hug (Soz.) 2916
Stimmen.
19. März. (Stuttgart.) Professor Eduard Zeller f. —
Geboren 1814, 1842 Professor der Philosophie in Marburg, 1872
bis 1894 in Berlin. Hauptwerke: Philosophie der Griechen; Deutsche
Philosophie seit Leibniz.
19. März. (Reichstag.) Konflikt zwischen Journalisten und
Reichstag.
Während der Rede des Abg. Erzberger bricht im Hause und auf
den Tribünen Heiterkeit aus; von der Journalistentribüne soll ein Zwischenruf
gefallen sein. Darauf ruft Abg. Gröber (Z.): „Wieder oben, oben,
die Schornalisten, dieselben Saubengels, die neulich unterbrochen haben.“
Infolgedessen führen die Journalisten Beschwerde beim Präsidenten und
stellen einige Tage die Berichterstattung ein, bis Abg. Gröber eine Erklärung
abgibt und die Beleidigung zurückzieht.
22. März. Der Kaiser genehmigt eine neue Felddienstordnung
durch folgende Ordre:
Ich genehmige die beifolgende Felddienst-Ordnung. Soweit ihre
Bestimmungen bei der Ausbildung der Truppen im Frieden zur Anwendung
gelangen, sind die Einschränkungen zu berücksichtigen, die durch gesetzliche
Vorschriften und die Friedensverhältnisse bedingt werden. Der für die
Handhabung des Felddienstes gelassene Spielraum soll der selbständigen
Ueberlegung und Tätigkeit der Führer zugute kommen. Er darf nicht
durch Anordnungen der Vorgesetzten eingeengt werden. Ich ermächtige
das Kriegsministerium, Erläuterungen zu geben und etwa notwendige
Aenderungen, die nicht grundsätzlicher Art sind, eintreten zu lassen.
Berlin, 22. März 1908. Wilhelm R.
An das Kriegsministerium. v. Einem.
24. März. (Reichstag.) Etat. Bülow und Schön über
Auswärtiges: Marokko; Tweedmouthbrief (vgl. Großbritannien);
asiatische Fragen, Bagdadbahn.
Nachdem mehrere Redner die auswärtigen Probleme behandelt
haben, ergreift das Wort Reichskanzler Fürst von Bülow: Meine Herren,
der Herr Vorredner, der Herr Abg. Eickhoff, hat die Konferenz der Union
internationale parlementaire zur Sprache gebracht, die sich im September
dieses Jahres in Berlin vereinigen soll. In Würdigung der friedlichen
und humanen Ziele der Union internationale parlementaire, die die Volksvertreter
der verschiedenen Nationen einander menschlich näher bringt und
dadurch politisch die Eintracht unter den Völkern zu fördern sucht, bin
ich gern bereit, bei dem Empfang dieser Herren in Berlin mitzuwirken.
(Bravo!) Ich hoffe, meine Herren, daß sich die Herrn Vertreter bei uns
ebenso wohl fühlen werden, wie in anderen Hauptstädten, wo ihnen ein
sympathischer Empfang bereitet worden ist. (Bravo!) Meine Herren, von
allen Rednern, die gestern und heute das Wort ergriffen haben, ist die sehr
unbefriedigende Lage in Marokko berührt worden. Ich freue mich, daß
dies von allen Seiten in ernster und ruhiger Sachlichkeit geschehen ist,
wenn auch die Herrn mehr oder weniger starke Vorbehalte hinsichtlich der
Zweckmäßigkeit der militärischen Operationen Frankreichs gemacht und Bedenken
darüber geäußert haben, ob das französische Vorgehen vereinbar sei
Europäischer Geschichtskalender. XLIX. 5