82 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 17.—23.)
hauptsächlich die Furcht, ich könnte unter Umständen im Wege der Verläumdung,
per nefas, unter denen aufgeführt werden, welche, wenn die Vorlage
abgelehnt wird, dazu durch ihre Enthaltsamkeit beigetragen haben. Deshalb
spreche ich heute noch dafür aus purer Angst (Bravol rechts), ich könnte
unter den, wie ich glaube, bei allen künftigen Wahlen in einer höchst nachteiligen
Situation befindlichen Leuten gefunden werden, die das Gesetz abgelehnt
haben. Das ist mein Urteil, — es kann ja irrtümlich sein; ich
habe aber länger in diesen Dingen gelebt, als die meisten von Ihnen, und
habe doch im großen und ganzen erlebt, daß mein Urteil öfter richtig als unrichtig
war. Ich möchte nicht, daß dieses unvollendete Gesetz bei den Wahlen
offen bliebe. Da, glaube ich, wird alles, was darin steht, bei der unglaublichen
Verlogenheit, mit der bei vielen Wahlen gewirtschaftet wird, herausgerissen
und aus dem Zusammenhang herausgezerrt und so dargestellt werden,
als hätte sich die Gegenpartei auf das schändlichste benommen. Ist das Gesetz
aber bis dahin abgeschlossen, so glaube ich nicht, daß diese Frage nochmals
auf die Wahlen Einfluß haben werde. Außerdem habe ich noch andere
Gründe, und ich möchte noch hier zu den Aeußerungen des Herrn Holtz bemerken,
daß, wenn später diese Bestimmungen auf die Witwen und Waisen
ausgedehnt werden sollen, wir doch erst mit dem weniger kostspieligen Beschluß
einen Versuch machen müssen, wie sich das Ganze gestaltet; dann
können wir ja vielleicht dazu kommen, — es ist ja nicht ausgeschlossen.
Wenn aber das von Haus aus, a limine abgelehnt wird, so werden weder
die alten Leute in der Armenpflege erleichtert werden, noch die Witwen und
Waisen. Ferner erwarte ich von dem ganzen Gesetz noch für das gesamte
Reich eine nützliche Wirkung.
Ich habe lange genug in Frankreich gelebt, um zu wissen, daß die
Anhänglichkeit der meisten Franzosen an die Regierung, die gerade da ist,
und die jedesmal den Vorsprung hat, auch wenn sie schlecht regiert, aber
doch schließlich auch die an das Land, wesentlich damit in Verbindung steht,
daß die meisten Franzosen Rentenempfänger vom Staate sind, (sehr richtig!)
in kleinen, oft sehr kleinen Beträgen; von Portiers will ich nicht sprechen,
das sind schon reiche Leute gegenüber den armen, die kleine Renten vom
Staate haben. Die Leute sagen: wenn der Staat zu Schaden geht, dann
verliere ich meine Rente; und wenn es 40 Franken im Jahre sind, so mag
er sie nicht verlieren, und er hat Interesse für den Staat. Es ist ja menschlich
natürlich. Ich habe Zeiten gehabt, wo ich noch für möglich hielt, in
meinem Besitz auswärtige Papiere zu haben; nachher habe ich aber gefunden,
daß mich dieser Besitz unter Umständen beirrte in meiner richtigen Beurteilung
der Politik derjenigen Regierung, deren Papiere ich besaß, und es
ist schon, glaube ich, 15 Jahre her, daß ich mich grundsätzlich jedes ausländischen
Papiers entäußert habe. Ich will mich nur für mein eigenes
Land interessieren und nicht für fremde Papiere.
Wenn wir 700,009 kleine Rentner, die vom Reiche ihre Renten beziehen,
haben, gerade in diesen Klassen, die sonst nicht viel zu verlieren
haben und bei einer Veränderung irrtümlich glauben, daß sie viel gewinnen
können, so halte ich das für einen außerordentlichen Vorteil; wenn sie auch
nur 115 bis 200 Mark zu verlieren haben, so erhält sie doch das Metall
in ihrer Schwimmkraft; es mag noch so gering sein, es hält sie aufrecht.
Sie werden das nicht leugnen, und ich glaube, daß, wenn Sie uns diese
Wohlthat von mehr als einer halben Million kleinen Rentnern im Reiche
schaffen können, Sie sowohl die Regierung — da ist es nicht nötig —,
aber auch den gemeinen Mann das Reich als eine wohlthätige Institution
anzusehen lehren werden.
Deshalb möchte ich die Sache nicht gern vom westpreußischen Stand-