108
Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder.
solcher Materien nicht möglich ist, ohne sich in Widersprüche und Unklarheiten
zu verwickeln, und die Competenz des Reiches zu verdunkeln, was
das Gefährlichste ist. Auch eine zweite Betrachtung zeigt, wie innerlich nothwendig
eine Materie des Rechtslebens die andere nach sich zieht. Wir verhandeln
jetzt über ein gemeinsames Proceßrecht, dessen Krone doch offenbar
der gemeinsame oberste Gerichtshof ist. Nun stellen sich aber schon jetzt
Schwierigkeiten heraus, welche Arten von Rechten diesem Gerichtshof zugewiesen
werden sollen, und dieser Punkt wird bis zur Rechtseinheit sowohl
von den gesetzgebenden Factoren als den spätern Mitgliedern des Gerichtshofes
mit einigem guten Willen überwunden werden müssen. Verschiedene
Vorschläge sind bereits gemacht, und es zeigt sich dabei die Schwierigkeit,
die richtigen Grenzen zu finden, wenn nicht die Competenz ganz allgemein
werden soll. Wird sie das aber, welche Schwierigkeiten stellen sich dann mit
dem vielzersplitterten Recht heraus, wenn das alles einem einheitlichen Collegium
überwiesen werden muß! Der Proceß wird den besten Beweis geben,
daß die formelle Ausübung des Rechts von der materiellen Rechtseinheit sich
schwer trennen läßt. Die günstigste Förderung, die unser vorjähriger Antrag
erfahren hat, besteht darin, daß die Landesvertretungen größter Bundesstaaten
sich mit aller Entschiedenheit und großer Mehrheit für seine Annahme
ausgesprochen haben. Damit ist das beste Zeugniß gegeben, daß die Besorgnisse,
die gewissermaßen vormundschaftlicher Weise selbst im Reichstage für
das Bestehen der Einzelstaaten laut geworden sind, durchaus unbegründet
waren. Denn das werden Sie zugeben, daß die Landtage in Dresden und
Stuttgart auch sehr wohl wissen, was zur Fortdauer ihrer Staaten tauglich
ist und was nicht, und daß die große Majorität beider Vertretungen vor
dem Vorwurf sicher ist, daß sie die Existenz der Einzelstaaten aufs Spiel
setzen wolle, und so begrüße ich denn wie eine Art Zufall den neuen vor
mir sitzenden Collegen Hrn. v. Varnbüler, der ja auch dem Beschlusse zugestimmt
hat, daß die Reichscompetenz ausgedehnt werden soll. Steht er etwa
auf irgend einer Seite des Hauses in dem Verdacht, daß er etwas thut oder
zulassen will, was die Existenz des Staates Würtemberg in Frage stellen
könnte? (Sehr wahr! links.) So sind es nicht allein die technisch genannten.
nationalen Parteien, welche dem Antrage zugestimmt haben, sondern Anhänger
aller Art, die national genannt werden dürfen, weil sie das Interesse
und die Wohlfahrt der Nation überall vorurtheilslos erwogen und dem
Reiche geben, was des Reiches ist. So haben sie denn erwogen und zwar
unter der wohlwollendsten Haltung derjenigen, die in jenen Versammlungen
die Regierungen zu vertreten haben daß die deutsche Nation in der That
der Rechtseinheit bedarf, und haben ihr Votum demgemäß abgegeben. Diese
Verhandlungen in den meisten deutschen Staaten lassen hoffen, daß der Bundesrath
endlich einmal zu dem Antrag klare Stellung nehmen wird. Dankbar
ist anzuerkennen, daß der Bundesrath den Antrag in der Zwischenzeit nicht
formell abgelehnt hat, aber legislatorisch sind wir auch nicht weiter gekommen,
und es wird dem Reichstage höchst erwünscht sein, vor Beendigung
seiner Existenz zu erfahren, in wie weit das Schicksal dieses Antrages gesichert
ist. Dem intelligenten Theile unserer Bevölkerung in seiner überwiegenden
Mehrheit gilt die deutsche Einheit erst, wenn auch die Rechtseinheit
im weitesten Maße erobert sein wird, als voll und ganz erreicht. Ich
hoffe, daß Sie heute mit größter Mehrheit den Antrag annehmen werden,
und daß der Bundesrath dieser Mehrheit in Zukunft und selbst in dieser
Session sich nicht mehr entziehen wird. Präsident Delbrück: Der Antrag
ist im Bundesrath wiederholt Gegenstand der Verhandlungen geworden. Die
bei diesen Verhandlungen hervorgetretenen Schwierigkeiten haben im Laufe
des letzten Jahres einen Abschluß der Sache nicht gestattet, gegenwärtig sind
sie indessen so weit überwunden, daß die begründete Aussicht vorhanden ist,
es werde die in einer so wichtigen Frage gewiß wünschenswerthe Einstim-