Metadata : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

58  Aussprache.

deren  Einflusse  dann  das  freie  Handeln  der  Jugendlichen  gesund  und
ruhig  stehen  kann.  #

Ich  möchte  es  als  ein  Mißverständnis  meiner  persönlichen  Auffassung
  bezeichnen,  wenn  Herr  Dr.  Diebow  der  Meinung  ist,  daß
ich  den  moralischen,  den  willenbildenden,  sittlich  erhebenden  Anteil  der
körperlichen  Ubungen  unterschätze.  Nichts  liegt  mir  ferner  als  das.
Ich  habe  ja  ausdrücklich  darauf  hingewiesen,  daß  ich  nicht  allen  Motiven
  nachgehen  kann,  warum  der  Körper  wieder  in  der  Erziehung
zu  seinem  Rechte  kommt,  und  ich  möchte  ausdrücklich  anerkennen,  daß
unter  diesen  Motiven  auch  die  Schätzung  der  willenbildenden  Momente,
  die  eine  Rolle  spielen,  hervorzuheben  ist.  Aber  auch  wenn
wir  noch  so  sehr  überzeugt  sind,  daß  Turnen  und  Wehrausbildung
zu  einer  Gelegenheit  der  Willensschulung  werden  können,  so  bleibt
für  das  Gesamtproblem  der  Jugendpflege  doch  immer  wieder  die
Frage:  soll  denn  Jugendpflege  —  jetzt  verzeihen  Sie  mir,  wenn  ich
mich  etwas  drastisch  ausdrücke  —  zusammenschrumpfen  auf  das
Bißchen  oder  das  Viel  körperlicher  Erziehung,  das  man
dann  Jugendpflege,  also  erzieherische  Beeinflussung  der  fortbildungsschulentwachsenen
  Jugend,  der  16-jährigen,  wo  sie  mit  16  endet,  und
der  18-jährigen,  wenn  sie  einmal,  was  wir  hoffen  und  erstreben
müssen,  mit  18  erlischt  —  soll  die  ganze  Jugendpflege  zusammenschrumpfen
  auf  die  körperliche  Erziehung,  Sie  mögen  sie  noch  wertvoller
  einschätzen,  als  ich  selbst,  obwohl  ich  glaube,  daß  Sie  mich  darin
nicht  übertreffen?  Die  Jugend  hat  auch  noch  andere  Bedürfnisse,
andere  Interessen,  andere  Erkenntnisse  als  die,  die  durch  die  körperliche
  Ertüchtigung  erfaßt  werden,  und  Jugendpflege  heißt  da  vor
ollem  einmal  Pflege  der  werdenden  Gesamtpersönlichkeit.  Von
diesem  Standpunkt  aus  ist  die  körperliche  Erziehung  ein  Weg,  die
Geselligkeit  ein  anderer,  die  Bildungsbestrebungen  ein  dritter,  das
Berufsinteresse  ein  vierter.  Fassen  wir  die  Jugend,  wo  wir  sie  zu
fassen  kriegen,  aber  streben  wir  danach,  daß  wir  die  Jugend  wirklich
fassen,  daß  wir  nicht  mit  unserer  Arbeit  an  ihr  an  den  Außenzonen
bleiben,  sondern  die  bewegenden  Kräfte  in  dem  jungen  Menschen
unserer  Entwicklungsarbeit  zugänglich  machen!  Ich  meine,  keine
Schätzung  irgend  eines  Inhalts  der  Jugendpflegearbeit  darf  uns
dazu  eiten,  in  diesem  Inhalte  die  gesamte  Jugendpflege  aufgehen
zu  lassen.

Ich  bin  auf  diesen  Punkt  auch  deshalb  noch  zurückgekommen,  weil
ich  sehr  wohl  einsehe,  daß  die  durch  den  Krieg  geschaffene  Situation
eine  gewisse  Grenzscheide  für  die  Weiterentwicklung  der  Jugendpflege
bedeutet.  Es  ist  kein  Zweifel,  die  nächsten  Jahre  haben  darüber  zu
entscheiden,  ob  unsere  Jugendpflege  so  mannigfach  und  vielgestaltig
fortgehen  darf,  wie  sie  bisher  sich  entwickelt  hat,  oder  ob  neben  dieser
Vielgestaltigkeit  eine  bestimmte  Seite  der  Jugendpflege  unter  staatlicher
  Direktion  hervorgehoben  wird.  Daneben  aber  müßte  meines
Erachtens  die  Jugendpflege  gerettet  werden,  die  geistige  Jugendpflege,
  die  ja  die  Jugendlichen  selbst  als  das  empfinden,  was  sie
haben  möchten.  Zur  körperlichen  Ertüchtigung  drängt  diejenigen,
die  überhaupt  dafür  Sinn  haben,  das  natürliche  Kraftgefühl  der