240 Zweiter Zeitraum.
derungen waren: Preßfreiheit, Versammlungsrecht, Verfassung, Schwurgerichte
und die Einberufung einer Nationalversammlung zur Errichtung eines Bundesstaates.
Zunächst versammelten sich 500 liberale Männer in Frankfurt a. M.
und beschlossen, eine aus freien Wahlen hervorgegangene Deutsche Nationalversammlung
solle über die künftige deutsche Verfassung beraten und entscheiden.
Die Regierungen gestatteten die Wahlen, und so wurde am 18. Mai
1848 die Deutsche Nationalversammlung unter Glockengeläute und Kanonendonner
in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. eröffnet. Aber welche Unzahl
von Parteien und Ansichten! Es bedurfte der Ausbietung aller Kräfte des
tüchtigen Präsidenten Heinrich von Gagern, um die oft stürmischen Debatten
zu leiten. Nach langen Verhandlungen über die Verfassung des Reiches, das
noch nicht vorhanden war, einigte man sich, die Frage wegen eines Oberhauptes
zu vertagen und vorläufig den als Volksfreund bekannten Erzherzog
Johann von Osterreich zum „Reichsverweser“ zu erwählen. Die Regierungen
billigten diese Wahl, der Bundestag legte seine Befugnisse in die
Hand des Reichsverwesers und löste sich auf. Aber bald zeigte sich, daß das
neue Oberhaupt ohne Macht war: die Bundestruppen sollten ihm huldigen,
aber selbst Osterreich beachtete diese Aufforderung nicht.
Inzwischen war auch in Berlin der Aufstand ausgebrochen. Bald
nach Ausbruch der Revolution in Paris erschienen dort nämlich deutsche, französische
und polnische Flüchtlinge, die im Wühlen und im Barrikadenbau geübt
waren, und sammelten allerlei verdächtiges Gesindel um sich. Um den ehrsamen
Arbeiter= und Handwerkerstand zu gewinnen, verbreiteten sie eine Schrift,
in welcher sie den König um ein aus Arbeitgebern und Arbeitern gebildetes
Ministerium der Arbeiter baten. Als auch Abgeordnete preußischer Städte
dem Könige die „Forderungen des Volkes“ vortrugen, beschloß er, durch rechtzeitiges
Nachgeben die Aufregung zu beschwichtigen, und erließ am 18. März
1848 ein Patent, worin er eine freisinnige Verfassung für Preußen und eine
gründliche Besserung des Deutschen Bundes verhieß. Zu Tausenden strömte
das Volk nach dem Schlosse, um dem Könige zu danken. Noch einmal wiederholte
er sein Versprechen, und freudiges Hurra war die Antwort. Ein solch
friedlicher Verlauf war aber den Volksaufwieglern höchst unerwünscht, hatten sie
doch schon alle Vorbereitungen zu einem Volksaufstande getroffenl!
Als um zwei Uhr die Menge noch immer dicht gedrängt vor dem Schlosse
stand und einige sogar in das Schloß einzudringen suchten, ließ der König
den Schloßplatz durch Militär säubern. Dabei entluden sich durch unglücklichen
Zufall zwei Gewehre, und sofort verbreitete sich wie ein Lauffeuer der
Ruf: „Verrat! Zu den Waffen!“ Wie durch einen Zauberschlag wuchsen in
allen Stadtvierteln die Barrikaden aus der Erde, zu deren Verteidigung Arbeiter
und Bürger, Beamte und Studenten, Straßenjungen und Lumpen gewaffnet
herbeieilten. Um vier Uhr griffen die Soldaten an; von den Dächern
und aus den Fenstern wurden sie mit Steinen und Kugeln bekämpft, dennoch
rückten sie stetig vor und nahmen eine Straße nach der anderen. Gegen Mitternacht
befahl der König, dem Blutvergießen Einhalt zu thun, aber die gewonnene
Stellung zu behaupten. Auch erließ er eine Ansprache „An meine
lieben Berliner", worin er diese aufforderte, die noch stehenden Barrikaden