Contents : Unser Preußen.

280  «  Dritter  Zeitraum.

läute  der  Glocken  durch  das  Brandenburger  Thor  einzogen,  da  kam  in  dem
nicht  enden  wollenden  Jubel  „die  wahre  Stimme  des  Volkes  zum  Ausdruck“,
der  auch  die  Volksvertreter  Rechenschaft  tragen  mußten.  Schon  bei  den
Neuwahlen  zum  Landtage  hatten  die  Freunde  der  Regierung  die  Mehrheit
erlangt;  als  nun  der  König  in  hochherziger  Weise  den  Landtag  um  In—
demnität,  d.  i.  um  nachträgliche  Genehmigung  der  in  den  letzten  Jahren
gemachten  Staatsausgaben,  bat,  da  nahm  das  Abgeordnetenhaus  die  dargebotene
  Friedenshand  gern  an.  Ja,  es  fügte  den  Namen  der  verdienten  Heerführer,
  welche  durch  eine  Dotation  belohnt  werden  sollten,  aus  eigenem  Antriebe
  den  Namen  des  Grafen  Bismarck  hinzu.  Um  so  freudiger  konnte  der
König  jetzt  die  Aufgabe  in  Angriff  nehmen,  die  norddeutschen  Staaten  in
einem  Bunde  zu  vereinigen.  Diese  hatten  schon  durch  besondere  Verträge
dem  Könige  von  Preußen  die  Militärhoheit  abgetreten,  im  Februar  1867
wurde  nun  der  aus  allgemeinen,  direkten  Wahlen  des  Volkes  hervorgegangene
Reichstag  durch  eine  Thronrede  des  Königs  Wilhelm  eröffnet,  die  dem
Wunsche  Ausdruck  gab:  „Möge  durch  unser  gemeinsames  Werk  der
Traum  von  Jahrhunderten,  das  Sehnen  und  Ringen  der  jüngsten
Geschlechter  der  Erfüllung  entgegengeführt  werden!“  Graf  Bismarck
drängte  immer  wieder  zur  Eilec.  „Meine  Herren,“  rief  er  den  Abgeordneten
zu,  „arbeiten  wir  rasch!  Setzen  wir  Deutschland  sozusagen  in  den  Sattel!
Reiten  wird  es  schon  können!“  Diesem  Wunsche  entsprechend  wurde  denn
auch  in  wenigen  Wochen  die  Verfassung  des  Norddeutschen  Bundes  fertig
gestellt.  Alle  21  Staaten  nördlich  des  Mains,  auch  Sachsen  und  der  nördlich
vom  Main  gelegene  Teil  des  Großherzogtums  Hessen,  fast  dreißig  Millionen
Deutsche,  waren  jetzt  unter  Preußens  Führung  vereinigt.  Erbliches  Oberhaupt
des  Bundes  war  der  König  von  Preußen.  Er  führte  den  Oberbefehl  über
die  gesamte  Wehrkraft  des  Bundes  und  konnte  in  dessen  Namen  Krieg  erklären
und  Frieden  schließen.  Die  Vertreter  der  Regierungen  bildeten  den  Bundesrat,
  der  die  Gesetze  vorzubereiten  und  zu  genehmigen  hatte;  das  Volk  hatte
Anteil  an  der  Gesetzgebung  durch  den  aus  allgemeinen,  direkten  Wahlen
hervorgegangenen  Reichstag.  Graf  Bismarck  wurde  Bundeskanzler.  Die
Vertretung  nach  außen,  das  Münz=  und  Zollwesen,  Post  und  Telegraphie,
Heimats-,  Handels=  und  Strafrecht  war  allen  Bundesstaaten  gemeinsam;  die
allgemeine  Wehrpflicht  wurde  auf  das  ganze  Bundesgebiet  ausgedehnt.

Die  meisten  europäischen  Völker  mißgönnten  Deutschland  diese  Erstarkung,
am  meisten  die  Franzosen,  die  es  ihrem  Kaiser  nicht  verzeihen  konnten,  daß
er  Preußen  auf  seiner  Siegesbahn  nicht  rechtzeitig  gehemmt  oder  doch  wenigstens
  auch  für  Frankreich  einen  Ländergewinn  erworben  hatte.  Ihr  Arger
wuchs  noch,  als  um  diese  Zeit  die  von  König  Wilhelm  mit  den  süddeutschen
Staaten  abgeschlossenen  Verträge  zu  Schutz  und  Trutz  bekannt  wurden.
Napoleon  hatte  1863  ein  Heer  nach  Mexiko  gesandt,  um  dort  ein  von
Frankreich  abhängiges  Reich  zu  gründen,  und  1864  den  Erzherzog  Maximilian
  von  Osterreich  zum  Kaiser  von  Mexiko  wählen  lassen.  Als  er  aber
seine  Truppen  aus  Mexiko  zurückzog,  wurde  Maximilian  von  den  Republikanern
  besiegt,  gefangen  genommen  und  erschossen.  Dieser  Ausgang  verschlimmerte
  Napoleons  Lage  noch  mehr,  und  unruhig  sah  er  sich  nach  elnem