62 Zweiter Zeitraum.
das Volk zum Widerstande auf, eilte nach Warschau und bat den König von
Polen um bewaffnetes Einschreiten. Da erschien der Kurfürst mit Truppen
in Königsberg. Nachdem ein Versuch, Roth gefangen zu nehmen, an dem
Widerstande der Bürger gescheitert war, ließ der Kurfürst die Bürger zu
einer Besprechung auf das Rathaus laden, während dieser Zeit Roth in seiner
Wohnung verhaften und im Schloß bewachen. Alles blieb ruhig. Roth wurde
nach Peitz gebracht und blieb dort, weil er nicht um Verzeihung bitten wollte,
trotz der Fürsprache seiner Mitbürger und des Königs von Polen bis zu
seinem Tode in Haft. Nach Roths Entfernung unterwarfen sich allmählich
die Stände. Der Kurfürst versprach, ohne ihre Bewilligung weder neue
Steuern auflegen, noch Krieg anfangen zu wollen; doch mußten sie ihm das
Recht der Landesverteidigung unter Beirat der Stände überlassen und gestatten,
daß auch reformierte Beamte in der Verwaltung und Rechtspflege
angestellt werden durften. Darauf leisteten ihm die Stände als ihrem souveränen
Herzog die Huldigung (1663). Seitdem regierte der Kurfürst in
Preußen unumschränkt und ließ die ständischen Vorrechte nur dann gelten,
wenn sie dem Wohle des Landes nicht schadeten. Die hierüber Unzufriedenen
fanden aufs neue einen Führer in dem Obersten von Kalckstein. Er war,
wegen Mißbrauchs seiner Amtsgewalt von Friedrich Wilhelm entlassen, in
polnische Dienste getreten und prahlte, mit polnischen Truppen in Preußen
einfallen und den Kurfürsten sowie dessen Kinder erschießen zu wollen. Bei
einem Besuche in Königsberg fiel er den ihm auflauernden kurfürstlichen
Reitern in die Hände. Er ward zum Tode verurteilt, aber begnadigt und
auf sein Ehrenwort entlassen. Dessenungeachtet begann er seine Umtriebe
sofort von neuem, hetzte offen die Polen auf und überhäufte den Kurfürsten
mit Schmähungen. Trotzdem verweigerte Polen seine Auslieferung. Da ließ
ihn der Kurfürst durch seinen Gesandten in Warschau festnehmen und in
Memel enthaupten (1672). Damit war aller Widerstand der Stände gebrochen,
und der Kurfürst regierte in Preußen sowie in Kleve, wo er kurz
zuvor ebenfalls die übergroßen Vorrechte der Stände beschränkt hatte, ebenso
unumschränkt wie in Brandenburg, zum Segen des gesamten Staates.
4. Rampf gegen Franzosen, Schweden und Türken.
Der gewissenlose und ruhmsüchtige französische König Ludwig XIV.
benutzte die hilflose Lage seiner Nachbarn zu einer Reihe von Eroberungskriegen.
In dem ersten, gegen die spanischen Niederlande gerichteten, traten
ihm die Holländer entgegen, die mit England und Schweden gegen ihn einen
Dreibund schlossen. Um nun an Holland Rache zu nehmen, brachte Ludwig
(1672) durch Geld die Könige von England und Schweden auf seine Seite;
selbst der Kaiser ließ sich durch Bestechung und den Einfluß der Jesuiten zu
dem Versprechen herbei, die ketzerischen Holländer nicht unterstützen zu wollen;
der Erzbischof von Köln und der Bischof von Münster traten offen auf Frankreichs
Seite. Ludwig suchte auch den Kurfürsten von Brandenburg zu sich
herüberzuziehen oder doch zu bewegen, neutral zu bleiben; dieser aber fühlte
sich „durch Bande des Bluts, der Religion und der Freundschaft“ zu den
Holländern hingezogen und verbündete sich mit ihnen. Statt aber ihnen un-