72 Zweiter Zeitraum.
Großfriedrichsburg und noch zwei andere feste Plätze anlegte und südlich
vom Vorgebirge St. Blanko das Kastell Arguin erbaute. Ein glücklicher
Zufall schien das Unternehmen noch begünstigen zu wollen. Bei einem Streite
der Fürstin von Ostfriesland mit ihren Ständen wandten sich diese mit der
Bitte um Schutz ihrer Rechte an den Kaiser, der den Großen Kurfürsten, den
Bischof zu Münster und den Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg beauftragte, die
Stände zu schützen. Infolgedessen besetzte der Kurfürst im Einverständnis mit
den Ständen Emden mit seinem damals noch vorzüglichen Hafen, das nun
der Standort der brandenburgischen Flotte und der Sitz der Afrikanischen
Kompanie ward. Mit Staunen sahen die Berliner (1684) in ihrer Stadt
eine Gesandtschaft von Negerhäuptlingen, die gekommen waren, dem Kurfürsten
zu huldigen und ihm Erzeugnisse ihrer Heimat als Geschenke darzubringen.
Bislang hatte der Kurfürst die Kriegsschiffe nach Bedürfnis von Raule gemietet;
jetzt nahm er diesen ganz in seinen Dienst und kaufte ihm 9 Kriegsschiffe
ab. Voll Neid blickten Franzosen, Engländer und Holländer auf den
emporstrebenden Nebenbuhler; namentlich die letzteren legten der Handelsgesellschaft
so viele Schwierigkeiten in den Weg, daß sie in Schulden geriet.
Da setzte der Kurfürst den Handel auf eigene Kosten, wenn auch mit Verlust,
fort. Seine Nachfolger haben dies Unternehmen als verfehlt aufgegeben, und
lange hat's gewährt, bis das deutsche Volk dies Werk des Großen Kurfürsten
wieder aufgenommen hat:
O Kurfürst Friedrich Wilhelm, zu Land und Meer ein Held,
Du hast den Weg gewiesen und uns das Ziel gestellt!
Die Berge haben Tannen, wir haben hohen Mut;
Auch uns gehört die große, wogende Meeresflut. (O. Fr. Gruppe.)
Friedrich Wilhelm war ein gläubiger evangelischer Christ. Das Gebet war
ihm Bedürfnis; dem Herrn schrieb er alle seine Erfolge zu. Deus fortitudo
mea, Gott meine Stärke, das war sein Wahlspruch. Als ihm die Krone
Polens unter der Bedingung des Ubertritts zur katholischen Kirche angeboten
wurde, sagte er: „Meine Religion, darin ich meiner Seligkeit versichert bin,
um einer Krone willen verlassen, werde ich in Ewigkeit nicht thun.“ Gegen
Andersgläubige war er sehr duldsam; sein Staat war der erste in Europa,
in welchem die Anhänger der verschiedensten Religionsgemeinschaften
unbehelligt nebeneinander wohnen durften. Aber sie
mußten untereinander Frieden halten. Den lutherischen und reformierten
Geistlichen verbot er das gegenseitige Verketzern auf den Kanzeln und veranstaltete,
um Lutheraner und Reformierte zu einer Kirche zu vereinigen,
1664 die Liebesgespräche zwischen Geistlichen beider Bekenntnisse, aber
ohne Erfolg. Da verlangte er von den Geistlichen ein schriftliches Versprechen,
daß sie obigem Befehle gegenseitiger Duldung nachkommen wollten;
einige, die ihre Unterschrift verweigerten, wurden ihres Amtes entsetzt. Zu
ihnen gehörte auch Paul Gerhardt, der bekannte Dichter herrlicher geistlicher
Lieder, der zu Lübben im Spreewalde wieder eine Anstellung fand.
Als mächtigster evangelischer Fürst Deutschlands hielt es der Große
Kurfürst für seine Pflicht, die Evangelischen auch in anderen Ländern zu
schützen. Schon wiederholt hatte er für sie beim Kaiser und bei Ludwig XIV.