3. Die innere Festigung durch Friedrich Wilhelm J. 93
Betrug und Gewalt an, um große Kerle in ihre Gewalt zu bekommen. Als
die Universität Halle sich darüber beschwerte, daß der alte Dessauer einen
Studenten auf offener Straße hatte aufheben und zum Soldaten machen
lassen, erwiderte der König: „Sollen nicht räsonnieren, ist mein Unterthan.“
Magister Gottsched, der sich eines stattlichen Körpers erfreute, flüchtete vor
den Werbern von Königsberg nach Leipzig. Das Leibregiment in Potsdam,
das der König als Oberst selber kommandierte, bestand nur aus ungewöhnlich
großen Leuten. August II. von Sachsen, der durch seine Größe berühmt
war, vermochte dem Flügelmann mit ausgestrecktem Arm nur bis an die
Nasenspitze zu reichen. Durch hohe Blechhauben wurden die Riesen noch um
vier Handbreiten höher. Der König sorgte für seine „lieben blauen Kinder“,
wie er seine Gardisten meistens nannte, väterlich; dadurch milderte er bei
manchem etwas das harte Los, von den Seinigen weggerissen und mit Gewalt
einem verhaßten Leben unterworfen zu sein. Sie erhielten auskömmliche
Löhnung, waren gut gekleidet und wohnten bei den Bürgern. Die Verheirateten
bewohnten ein kleines Haus für sich und durften Handel treiben.
Als der neuerbaute Petriturm kurz vor seiner Vollendung einstürzte, wurde
die Meldung beim König mit den Worten eingeleitet: es habe sich ein großes
Unglück ereignet. „Was denn?“ — „Der Petriturm ist eingestürzt!“ —
„So,“ erwiderte der König gelassen, „ich dachte schon, der Flügelmann sei
tot!“ —38) .
Friedrich Wilhelm I. hat auch der Verwaltung und den Finanzen
Preußens die Ordnung und Gestalt gegeben, deren Grundformen sich bis auf
unsere Tage erhalten und bewährt haben. Die gesamten Staatseinnahmen
zersielen damals in Kriegsgefälle, d. i. die Leistungen des Landes für die
Unterhaltung des Heeres, und in Domänengefälle. Jede dieser beiden Staatseinnahmen
wurde von einer besonderen Behörde verwaltet. Da diese Behörden
oft miteinander in Streitigkeiten, ja in Prozeß gerieten, hob der König
sie auf und setzte an ihre Stelle (1723) eine neue, das Generaloberfinanz-,
Kriegs= und Domänendirektorium, gewöhnlich kurzweg Generaldirektorium
genannt, das sich unter dem Vorsitz des Königs in fünf
Abteilungen unter je einem Minister gliederte und die gesamte innere Verwaltung
umfassen sollte. Die „Instruktion“ für diese neue Behörde hat der
König ganz allein erdacht und ausgearbeitet; sie ist aber auch ein ruhmvolles
Denkmal seiner großen Einsicht, gleich bewundernswert wegen ihrer Zweckmäßigkeit
im ganzen, als auch wegen ihrer Klarheit und Sorgfalt, womit sie
das Kleinste wie das Größte ordnet. Der ursprünglich von den Ständen
eingesetzte Landrat, ein adliger Gutsbesitzer, wurde unter Friedrich Wilhelm
zugleich Vertreter der Regierung, ohne doch das Vertrauen seiner Standesgenossen
zu verlieren. Von allen Beamten forderte der König Pünktlichkeit,
Pflichttreue, Genügsamkeit; auch unter ihnen herrschte eine militärische Zucht.
Das Auge und die Faust des Königs waren überall. Den Potsdamer Post-
*) Der Leser sei hingewiesen auf die in dieser Zeit spielende Schrift Oskar
Höckers Zwei Riesen von der Garde. Kulturgeschichtliche Erzählung aus der
Zeit des Zopfes und der Wachtparade. Mit vielen Abbildungen von Carl Römer.
8. Auflage. Leipzig, Ferdinand Hirt & Sohn. «