Zur Völkerwanderungszeit. 69
baten, die königliche Würde beizubehalten und sich aus
sämmtlichen Männern des Volkes einen zweiten Gemahl
zu küren. Da beschied sie den Herzog von Turin, Agilulf,
zu sich, ging dem Kommenden entgegen, ließ, nachdem sie
einige Worte mit ihm gewechselt, Wein bringen, trank
zuerst und reichte ihm den Becher dar. Wie aber der
Herzog knieend den Becher entgegennahm und der Königin
ehrfurchtsvoll die Hand küßte, sprach sie lächelnd und
erröthend, der dürfe ihr nicht die Hand küssen, welcher
ihr einen Kuß auf den Mund drücken sollte. Darauf hieß
sie ihn aufstehen, küßte ihn, sprach ihm von Hochzeit und
Königthum und bald wurde das Vermählungsfest unter
großem Jubel gefeiert.
Wieder ein ganz anderes Bild bietet die Romilda,
Gemahlin Gisulfs, des langobardischen Herzogs im Friaul.
Als der ins Land gefallene Avarenkönig Kakan den Herzog
in der Schlacht erschlagen hatte und die Herzogin in
der Stadt Forojuli belagerte, erregte der schöne Todtschläger
ihres Gemahls die Begierden Romilda's und sie
überlieferte ihm die Stadt, alser geschworen, sie zu seinem
Weibe zu machen. Er hielt seinen Schwur, für die Dauer
einer Nacht nämlich, überließ dann die Verrätherin zwölf
seiner Mannen zur Schändung und ließ sie endlich im
freien Feld auf einen Pfahl spießen mit dem Hohnwort:
„Das ist der Mann, den du verdienst.“ Unähnlich dieser
Mutter waren ihre vier mit ihr gefangenen Töchter,
welche, ihre Keuschheit zu wahren, rohes Hühnerfleisch
zwischen die Brüste legten und durch den schrecklichen
Geruch des verwesenden Fleisches die lüsternen Avaren