Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Oktober 19.—24.) 189
hier zumal zuerst süddeutsches und norddeutsches Blut zu dem Kitte sich
vereinigten, das unser Deutsches Reich wieder hat bauen helfen, — das bewegt
tief unser aller Herz. Und wir Jüngeren vor allem, wir geloben im
Anblick des hohen Siegers, unseres verewigten Kaisers, das zu halten, was
er uns erfochten hat und die Krone zu wahren, die er schmiedete und dieses
Reichsland gegen wen es auch sei, zu schirmen und deutsch zu erhalten, so
wahr uns Gott helfe und unser deutsches Schwert! Nun aber wollen wir
alle einstimmen in den Ruf: Meine hohe Frau Mutter, durch deren Erscheinen
der heutige Tag gekrönt ist: Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich
Hurral Hurral Hurral!“
19. bis 21. Oktober. (Kaiserslautern.) Tagung des bayerischen
Handwerkertags.
Die Versammlung behandelt vornehmlich die Lage des Bauhandwerks
und fordert Wiederherstellung des Befähigungsnachweises für das Baugewerbe.
20./21. Oktober. (Erfurt.) Parteitag der deutsch-sozialen
Reformpartei.
Die Versammlung konstatiert, daß die Trennung der Partei von
Ahlwardt und Böckel (vgl. S. 33) zur inneren Kräftigung beigetragen habe
und spricht sich sodann in mehreren Resolutionen für Erhaltung des allgemeinen
Wahlrechts, für Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden und
energische Sozialpolitik zu Gunsten der produktiven Stände aus.
20. Oktober. Rückkehr des Kaiserpaares nach Potsdam.
23. Oktober. (Preußen.) Königlicher Erlaß an den Justizminister
über Aussetzung der Strafvollstreckung.
Auf Ihren Bericht vom 15. Oktober d. Js. ermächtige Ich Sie,
solchen zu Freiheitsstrafen verurteilten Personen, hinsichtlich deren bei längerer
guter Führung eine Begnadigung in Aussicht genommen werden kann, nach
Ihrem Ermessen Aussetzung der Strafvollstreckung zu bewilligen, indem Ich
in den dazu geeigneten Fällen demnächst Ihrem Bericht wegen Erlasses
oder Milderung der Strafe entgegensehen will. Von dieser Ermächtigung
soll jedoch vornehmlich nur zu Gunsten solcher erstmalig verurteilter Personen
Gebrauch gemacht werden, welche zur Zeit der That das achtzehnte
Lebensjahr nicht vollendet hatten und gegen welche nicht auf eine längere
als sechsmonatige Strafe erkannt ist.
Neues Palais, den 23. Oktober 1895.
Wilhelm.
ggez. Schönstedt.
An den Justizminister.
24. Oktober. Trennung der Konservativen von den jüngeren
Christlich-Sozialen (vgl. S. 123).
Die „Konserv. Korr." bringt einen scharfen Artikel gegen die
christlich-soziale Richtung der Pastoren Naumann, Göhre, Kötzschke u. a.
und wirft ihnen Schürung des Klassenhasses und Untergrabung der staatlichen
Autorität vor. Der Artikel schließt: „Wir erklären demgemäß, daß
alle Politiker sowohl wie Zeitungen, welche diesen Kampf nicht aufnehmen
oder gar — offen oder verschleiert — ihm entgegenwirken, zur konservativen
Partei nicht gerechnet werden können."“