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88 Zweiter Zeitraum. 
sie allein mit dem Seitengewehr französische Kavallerie in die Flucht. In 
dieser Schlacht hörten die preußischen Truppen zum erstenmal den Dessauer 
Marsch, dessen Töne ihnen seitdem oft im Kampfe erklungen sind. Nach 
dem Siege bei Turin, durch welchen Eugen die Franzosen zur Räumung 
Oberitaliens zwang, schrieb er nach Wien: „Der Fürst von Anhalt hat mit 
seinen Truppen abermals Wunder gewirkt; es ist kein Preis zu hoch, wodurch 
ich ihr Ausharren erkaufen kann.“ Auch an den blutigen, für die Franzosen 
verhängnisvollen Schlachten in den Niederlanden, bei Oudenarde a. d. Schelde 
(1708) und bei Malplaquet a. d. Sambre (1709), haben preußische Truppen 
mit Auszeichnung teilgenommen. Das Ende des Krieges erlebte Friedrich J. 
nicht mehr. An dem 1700 ausgebrochenen Nordischen Kriege (S. 103) 
beteiligte er sich nicht. Auf friedlichem Wege hat er aber den Staat doch 
vergrößert. Von August II., der zur Gewinmung der polnischen Krone viel 
Geld gebrauchte, kanfte Friedrich (1697) das Stift Quedlinburg, die Stadt 
Nordhausen und das Amt Petersberg bei Halle. Noch mehr hoffte er 
aus der „vranischen Erbschaft“ zu erhalten, da er der nächste männliche 
Verwandte des kinderlosen Wilhelm III. und nach dem Recht dessen Haupt- 
erbe war; der schlaue Oranier hatte ihn auch immer in dieser Hoffnung 
bestärkt, um ihn an sich zu fesseln, während er in seinem Testamente schon 
längst einen entfernteren Verwandten zum Haupterben eingesetzt hatte. Als 
er nun 1702 starb, entstand über sein Erbe ein langwieriger Streit; Friedrich 
aber griff rasch zu und besetzte die Herrschaft Lingen, sowie die Stadt und 
Grasschaft Mörs. Durch Kauf erwarb er (1707) Tecklenburg in West- 
falen, und die Grasschaft Geyern in Franken vermachte ihm als dem Haupte 
der Evangelischen der letzte Besitzer derselben, um sie nicht in die Hände 
eines Katholiken kommen zu lassen. 
5. Die lehten Regierungsjahre des Königs. 
Dic vielen Kriege, die Schloßbauten, die Pflege der Künste und Wissen- 
schaften, der glanzvolle Hofhalt, besonders die prunkvollen Hoffeste — Bälle, 
Maskenfeste, Kahnfahrten und Jagden — kosteten viel, so daß die Einnahmen 
des Staates kaum die Hälfte seiner Ausgaben deckten; dazu wurden von den 
Räten des Königs noch große Summen vernntreut. Nach Danckelmanns 
Sturze besaß ein Herr v. Kolbe, ein eingewanderter Pfälzer, das Vertrauen 
Friedrichs, und er benutzte es, seine Habsucht zu befriedigen. Vom Kaiser 
wurde er unter dem Namen v. Wartenberg in den Reichsgrafenstand er- 
hoben, und von seinem Herrn ließ er sich urkundlich versprechen, daß er 
wegen seiner Amtsführung niemals zur Rechenschaft gezogen werden solle. 
Nun betrogen er und seine Anhänger, unter denen namentlich v. Wartens- 
leben und v. Wittgenstein zu nennen sind, noch schamloser. Seitdem es 
Wartenberg gelungen war, dem Kurfürsten zur Königskrone zu verhelfen, 
leitete er die äußeren wie die inneren Staatsverhältnisse und hatte die wich- 
tigsten und einflußreichsten Staatsämter inne. Den Neigungen des Königs 
wußte er stets entgegenzukommen und die hohen Ausgaben der Hof= und 
Staatskasse durch harte Steuern zu decken; es wurden außer den bisherigen 
Steuern Schloßbau= und Gesandtengelder, eine Kron-, Perücken- und Kutsch-