Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

376  Beutsches  Reicz.  (März  29.  30.)

uUzuschreiben.  Die  Marine  habe  es  sehr  begrüßt,  daß  die  neutrale  Schifffahrt
  das  Sperrgebiet  meide.  Neutrale  Schiffe  zu  versenken,  sei  für  unsere
Streitkräfte  schmerzlich,  eine  harte,  aber  unbedingte  Notwendigkeit.  Die
Marine  hoffe,  daß  ihre  eindringliche  Warnung,  das  Sperrgebiet  zu  befahren,
  in  immer  steigendem  Maße  in  neutralen  Schiffahrtskreisen  Verständnis
  und  Beachtung  finden  werde.  Unsere  Feinde,  vor  allem  England,
versuchten  mit  allen  Mitteln,  mit  Zwang  und  Schikane,  mit  Forderungen
und  Versprechungen,  mit  Verheimlichungen  und  Verschleierungen  der  Schiffsverluste,
  mit  falschen  Angaben  über  Versenkung  deutscher  U.Boote  die  Neutralen
  zu  bewegen,  weiter  die  Zufuhr  nach  England  aufrechtzuerhälten  und
ihre  Haut  für  nte  zu  Markte  zu  tragen.  Am  22.  Febr.  habe  der  englische
Marineminister  Carson  im  Parlament  erklärt:  „Niemals  würde  er  sich  dazu
verstehen,  Verluste  zu  verheimlichen.“  Wenige  Tage  später  aber  habe  er
die  Veröffentlichungen  eingestellt.  Der  Grund  dafür  liege  für  jeden,  der
sehen  wolle,  klar  auf  der  Hand.  Wir  könnten  uns  auch  hier  damit  begnügen,
  dem  Gebaren  unserer  Feinde  gegenüber  die  Tatsachen  sprechen  zu
lassen.  Die  Neutralen  hätten  selbst  zu  entscheiden.  Wir  müßten  und  könnten
mit  aller  Ruhe  ihren  weiteren  Entschließungen  entgegensehen.  In  der  Marine
  sei  alles  davon  durchdrungen,  vom  Flottenchef  an,  der  mit  seinen
Streitkräften  hinter  den  U-Booten  stünde  und  ihnen  Bewegungsfreiheit  und
Ausbildungsmöglichkeit  sichere,  bis  zum  jüngsten  Heizer,  daß  die  übernommene
  Aufgabe  auch  bis  zum  siegreichen  Ende  durchgeführt  werden  würde.

29.—30.  März.  (Preuß.  Herrenhaus.)  Nach  eingehender  Aussprache
  über  wirtschaftl.  und  sozialpolit.  Fragen  wird  der  Staatshaushalt
  1917  genehmigt.  Ferner  wird  das  Eisenbahnanleihegesetz
  (s.  S.  334)  angenommen.

30.  März.  (Reichstag.)  Zweite  Lesung  des  Gesetzentwurfs  betr.
Herabsetzung  von  Mindeststrafen  des  Militärstrafgesetzbuches.
Schluß  der  zweiten  Lesung  des  Haushalts  des  Reichskanzlers,
der  Reichskanzlei  und  des  Ausw.  Amts.

Der  Gesetzentwurf  wird  in  der  Fassung  des  Ausschusses  in  zweiter
und  dritter  Lesung  einstimmig  angenommen.  Ebenso  die  vom  Ausschuß
vorgeschlagene  Resolution,  den  Reichskanzler  zu  ersuchen,  dahin  zu  wirken,
daß  den  bis  zum  Inkrafttreten  des  Gesetzes  verurteilten  Militärpersonen
die  Vergünstigung  dieses  Gesetzes  durch  Gnadenerlaß  der  Kontingentsheere
gewährt  werde.

Bei  der  Haushaltsberatung  führt  Abg.  Haase  (Soz.  Arb.)  aus:
Bei  den  Ausführungen  des  Reichskanzlers  hatte  die  Mehrheit  des  Hauses
wohl  das  Gefühl:  Man  spricht  vergebens  viel  um  zu  versagen,  der  andere

ört  von  allem  nur  das  Nein.  Auch  der  politisch  Schwerhörige  mußte  den
anzler  verstehen:  mag  der  Krieg  noch  so  lange  dauern,  das  Dreiklassenwahlrecht
  muß  aufrecht  erhalten  bleiben.  Das  sagte  der  Kanzler  in  dem
großen  historischen  Augenblick,  wo  die  Flammenzeichen  der  Revolution
überall  aufleuchten.  Meine  Fraktion  ist  mit  Bewunderung  erfüllt  für  das
russische  Volk,  das  das  Joch  des  Zarismus  abgeschüttelt  hat.  Wir  gedenken
  namentlich  mit  Sympathie  der  Arbeiter,  die  durchdrungen  von  der
historischen  Mission  im  Vordertreffen  gekämpft  und  dem  Befreiungswerk
ihren  Stempel  aufgedrückt  haben.  Mit  Hilfe  unserer  schwedischen  Genossen
haben  wir  ihnen  zum  Ausdruck  unserer  Gefühle  folgendes  Telegramm
übermittelt:  „Wir  begrüßen  aus  vollem  Herzen  die  entschlossene  Erhebung