Full text : Deutsches Kolonialblatt. XX. Jahrgang, 1909. (20)

—  22  20

Deutsch-Neuguinea.

Der  Lehrer  Jesper  hat  am  31.  Dezember
1908  die  Ausreise  nach  Deutsch-Neuguinea  angetreten.
  «

Samoa.

Dem  kommissarischen  Sekretär  Mars  ist  die
etatsmäßige  Stelle  eines  Sekretärs  bei  dem
Kaiserlichen  Gouvernement  von  Samoa  übertragen
  worden.

 

 

 

 

 

 

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Uachrichten  aus  den  deutschen  Schutzgebieten.

(Abdruck  der  Nachrichten  vollständig  oder  teilweise  nur  mit  Quellenangabe  gestattet.)

Deutsch-Ostafrika.

Lotemismus  in  Deutsch-Ostafrika.
Von  Dr.  Dempwolff,  Stabsarzt  in  den  Schutztruppen.

Wohl  alle  Religionen  weisen  Beziehungen  zu
bestimmten  Tierarten  auf,  vom  göttlich  verehrten
Apisstier  bis  zum  symbolsschen  „Lamm  Gottes“.
Wo  auf  einer  niederen  Stufe  mythologischer  Entwicklung
  die  ganze  Umwelt  beseelt  gedacht  wird,
da  finden  sich  eigenartige  Systeme  solcher  Beziehungen
  zwischen  bestimmten  Tier=  (seltener
Pflanzen-)  spezies  und  gewissen  Gruppen  der  Bevölkerung:
  Totemismus.  Die  Bevölkerungsgruppe,
  welche  dasselbe  Totem  hat,  fühlt  sich
blutsverwandt,  obwohl  sie  nach  unserer  Auffassung
häufig  nur  entfernten  Grades  verwandt  ist;  sie
glaubt  mitunter,  von  der  Tierart  abzustammen.
Das  Totem  wird  von  denen,  die  sich  zu  ihm
rechnen,  nicht  verletzt,  nicht  getötet  oder  verzehrt,
mitunter  verehrt;  es  ist  „sacer“  im  ursprünglichen
Wortsinn,  heilig  und  unrein  zugleich.

Totemismus  ist  in  Amerika  und  Australien,
in  Asien  und  fast  überall  in  Afrika  festgestellt;
aus  Deutsch-Ostafrika  jedoch  liegen  nur  spärliche
  Mitteilungen  1)  und  Hinweise  2)  vor;  den
meisten  Europäern  im  Schutzgebiet  ist  sein  Vorkommen
  gänzlich  unbekannt.

Während  meines  Aufenthaltes  in  Deutsch-Ostafrika
  1906  und  1907  habe  ich,  teilweise
unterstützt  von  verschiedenen  Europäern,  folgendes
erkundet:

Ein  in  vielen  Bantusprachen  vorkommendes
oder  verstandenes  Wort  „mwiko“  bedeutet  „religiöses
  Verbot“,  im  besonderen  ein  Speiseverbot,

 

 

1)  Ich  habe  bisher  solche  nur  gefunden  bei  Gutmann:
  Totemismus  bei  den  Wadshagga.  Evang.
Luther.  Miss.  Bl.  1906,  Seite  61.  Nigmann:  Die
Wahehe.  Berlin  1908,  Seite  42.

:)  Sie  sind  zu  entnehmen  den  Aufsätzen:  Richter:
Der  Bezirk  Bukoba.  Mitt.  a.  d.  d.  Schutzgeb.  XII  1899,
Seite  67  ff.  Schumann  in  Berliner  Missionsber.  1904,
S.  60  bis  80,  zitiert  nach  Fülleborn:  Die  Nyassaländer,
  S.  374.  „Mwiko:  Verboten“  in  „Gott  will  es!“.
1906,  S.  349.

 

das  der  Zauberdoktor  einer  Person  auferlegt.  Es
entspricht  etwa  dem  uns  aus  der  Südsee  geläusigen
  Begriffe  des  „Tabu“.

Ein  anderes  Wort  lautet  im  Swaheli  „mio“,
im  Saramo  und  in  einer  Reihe  verwandter  Mundarten
  „milo,  muzilo,  muziro“,  im  Sukuma  „mugiro“,
  im  Hehe  „mutsilo“,  im  Bena  „mudezilo“
usw.  Es  bedeutet  „religiöse  Vermeidung,  die
ererbt  wird“.  Das  entsprechende  Zeitwort
„kuzia,  kuzila,  kugira,  kutsila“  usw.  scheint  durch
die  meisten  Bantusprachen  zu  gehen,  z.  B.  im
Loango  „kushila“,  im  unteren  Kongo  „quisilla",
im  Herero  „okuzera“;  Meinhoft!)  führt  es  auf
Urbantu  „ku-yila“  zurück.  Als  seine  Bedeutung
ist  meist  „vermeiden,  hassen“  angegeben,  das  Moment
  der  Vererbung  einer  bestimmten  „Vermeidung“"
  aber  nicht  zum  Ausdruck  gebracht.  Tatsächlich
  läßt  sich  nachweisen,  daß  unter  dem
Einfluß  des  Mohammedanismus  der  engere  Begriff
dem  weiteren  Platz  macht,  so  jedenfalls  im  Swaheli.

Die  Objekte  der  „Vermeidung“  sind  Tiere,
Teile  von  Tieren  und  Pflanzen.  Unter  den  Tieren
sind  neben  Jagd=  und  Nutztieren  besonders  häufig
kleine  Vogelarten  vertreten.

Als  Teile  von  Tieren  sind  u.  a.  Magen,  Leber
und  Embryo  aufgeführt.  Von  Pflanzen  find  mir
nur  in  zwei  Fällen  Bäume  genannt,  deren  botanische
  Namen  ich  nicht  weiß.  In  der  Regel
wurde  mir  von  jedem  Gefragten  nur  eine  „Vermeidung“
  genannt,  mitunter  zwei,  ganz  selten
drei,  die  richtig  ererbt  waren,  nicht  nur  als  persönliches
  Verbot  galten.

Die  Vererbung  der  „Vermeidung“  geschieht
bei  den  meisten  Volksstämmen  Deutsch-Ostafrikas
in  Vaterfolge,  so  daß  wir  diesen  Vorgang  der
Vererbung  unserer  Familiennamen  parallel  setzen
und  so  unserem  Verständnis  näher  bringen  können.
Nur  von  einigen  Nyamwezi  wurde  mir  Mutterfolge
  für  die  Vererbung  ihrer  „Vermeidung“  angegeben,
  und  einige  Leute  vom  Viktoria-Nyanza,
Sukuma  und  Kerewe,  erklärten,  daß  bei  ihnen

1)  Meinhof:  Grundriß  einer  Lautlehre  der  Bantusprachen.
  Leipzig  1899,  S.  155.