Venisches Reitj. (Juli 20.) 723
im Reichsamt des Innern mit den führenden Mitgliedern der
Reichstagsfraktionen zusammen.
Es sind außer den Präsidenten Kaempf, Paasche und Dove anwesend
die Abgg. Fehrenbach, Herold, Erzberger und Mayer vom Ztr.; v. Payer,
Fischbeck und Müller-Meiningen von der Fortschr. Vp.; Scheidemann, Ebert,
Südekum, David und Molkenbuhr von der Soz.; Graf v. Westarp, v. Heydebrand
und Dietrich von den Konfs.; Schiffer, Prinz Schönaich-Carolath,
Stresemann von den Natl.; Ricklin von den Elsäss.; Behrens und Warmuth
von der Dtsch. Fr. und Seyda von den Polen. Die Vertreter der U. Soz.
sind nicht geladen. Den weiteren Rahmen bilden Bundesrat, Regierung
und Heeresleitung. Wenn auch (nach Blätterberichten) die aktuellen Fragen
der Parlamentarisierung und der Veränderungen in den Regierungsstellen
nicht berührt werden, so bedeutet diese Aussprache des Trägers der Krone
mit den Parlamentariern unmittelbar nach Annahme der Friedensresolution
doch ein politisches Ereignis, zumal hier zum ersten Male soz. Abgg. als
offizielle Vertreter der soz. Partei vom Kaiser empfangen werden.
20. Juli. (Bundesrat.) Es gelangen zur Annahme:
Die Entw. e. Verordn. über die den Unternehmern landwirtschaftl.
Betriebe für die Ernährung der Selbstversorger und für die Saat zu belassenden
Früchte und e. Bek. zur Abänderung der Verordn. über Preisbeschränkungen
bei Verkäufen von Schuhwaren vom 28. Sept. 1916.
20. Juli. (Reichstag.) Kl. Anfragen. Kriegskreditvorlage.
Handelsflotte. Fürsorge für Kriegsgefangene. Vertagung.
Abg. Dr. Stresemann (Natl.) fragt an: Am 15. Juli 1917 ist eine
Anzahl deutscher Handelsschiffe auf der Reise von Rotterdam nach deutschen
Gewässern auf niederländ. Hoheitsgebiet von engl. Seestreitkräften
unter Bruch der Neutralität und des Völkerrechts angegriffen und zum Teil
gekapert und vernichtet worden. Welche Stellung gedenkt der Reichskanzler
gegenüber diesem Neutralitätsbruch einzunehmen?
· Direktor im Ausw. Amt Dr. Kriege: Die deutsche Regierung hat
sofort nach dem Bekanntwerden dieses Vorfalls eine Untersuchung durch
den Konsul in Rotterdam angeordnet; diese Untersuchung ist bereits abgeschlossen.
Weiter hat der deutsche Gesandte im Haag auftraggemäß der
niederl. Regierung mitgeteilt, wir zweifelten nicht daran, daß sie von England
wegen der unerhörten Verletzung ihres Hoheitsgebietes gebührende
Entschuldigung, volle Genugtuung und bündige Zusicherung gegen eine
Wiederholung solcher Neutralitätsbrüche verlangen und erreichen werde.
Als Genugtuung für die uns zugefügte Unbill glaubten wir erwarten zu
sollen: Sofortige Rückgabe der in den niederl. Territorialgewässern geraubten
Schiffe nebst Kodunge Ersatz für die versenkten oder beschädigten Schiffe
und Ladungen sowie Entschädigung für die verletzten deutschen Seeleute
oder deren Hinterbliebene. Die niederl. Regierung hat noch vor diesem
Schritte unserem Gesandten gegenüber ihr tiefstes Bedauern über den engl.
Ueberfall ausgesprochen, auch zum Ausdruck gebracht, daß sie vollste Genugtnung
von England verlangen werde; weiter hat sie zugesagt, daß die
niederl. Marine alles Mögliche tun werde, um einer Wiederholung derartiger
Vorkommnisse vorzubengen. Unseren amtlichen Schritt hat sie dahin
beantwörtet, daß sie fest entschlossen sei, die von uns erwartete Genugtuung
mit aller Energie durchzusetzen; auch hat sie bereits unter nachdrücklichem
Hinweis auf den allem Völkerrecht ins Gesicht schlagenden engl. Neutralitätsbruch
eine scharfe Note an die britische Regierung gerichtet. Die deutsche
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