Volltext : Deutsches Kolonialblatt. XXVII. Jahrgang, 1916. (27)

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Gebiet  erhebt,  darf  er  Posten  in  demselben  errichten,
  die  nicht  stärker  sein  dürfen  als  die  deutsche
Besatzung.  Diese  Posten  haben  sich  jedoch  jeder
Einmischung  in  politische  Angelegenheiten  zu  enthalten.


Anfang  1900  wurde  der  Minister  Beernaert
vom  König  nach  Berlin  gesandt,  um  über  die
Grenzfrage  weiter  zu  verhandeln.  Diese  Mission
blieb  aber  der  Hauptsache  nach  erfolglos.  Ohne
ausreichende  und  zuverlässige  Karten  erschien  eine
Verständigung  über  eine  zweckmäßige  Grenze  unmöglich.
  Man  einigte  sich  am  10.  April  1900
darauf,  durch  eine  gemeinsame  Vermessungsexpedition
  das  ganze  Gebiet  zunächst  kartographisch
aufnehmen  zu  lassen.  Diese  Aufnahme  erfolgte
in  den  Jahren  1901  und  1902.  Sie  ergab  eine
wesentliche  Verschiebung  des  Kiwusees  nach  Westen,
was  eine  nicht  unwesentliche  Vergrößerung  des
von  der  geradlinigen  Grenze  abgeschnittenen  Teiles
von  Ruanda  zur  Folge  hatte.

So  wurde  die  Siluation  eine  immer  verwickeltere
  und  trotz  aller  Verhandlungen  eine

Lösung  immer  schwieriger.  Schon  1899  hatte
der  König  den  ihm  durch  einen  privaten  Vermittler
  unterbreiteten  Gedanken  einer  pekuniären
Entschädigung  für  die  Aufgabe  des  Kiwugebietes
unter  dem  Hinweis  darauf,  daß  es  die  erste  Pflicht
jedes  Staates  sei,  seine  Integrität  aufrecht  zu  erhalten,
  aus  prinzipiellen  Gründen  ablehnen  zu
müssen  geglaubt.  Aus  den  Brüsseler  Akten  geht
indessen  hervor,  daß  der  König  doch  wohl  bereit
gewesen  sein  würde,  über  eine  solche  Entschädigungsfrage
  in  Verhandlungen  mit  dem  Reich  einzutreten,
  wenn  er  nur  Gewißheit  darüber  gehabt
hätte,  einen  guten  Preis  zu  lösen.  An  sich  brauchte
er  das  Geld  für  den  Kongostaat  ja  nicht,  wie  in
früheren  Jahren,  in  denen  die  Geldkalamität  oft
eine  drückende  gewesen  war.  Denn  seit  dem  von
ihm  eingeleiteten  Umschwung  der  kongolesischen
Dominialpolitik  im  Jahre  1891  hatte  er  für  den
Kongostaat  an  sich  keine  Zuschüsse  mehr  nötig.
Im  Gegenteil,  das  neue  System  warf  seit  1895
immer  steigende  Uberschüsse  ab,  die  nur  nicht  in
die  Erscheinung  traten.  Das  Deutsche  Reich  hatte
1899  an  Spanien  für  die  Karolinen  und  Nachbarinseln
  16  750  000  “  bezahlt.  Ihr  Flächeninhalt
betrug  rund  2200  qkm.  Nach  diesem  Maßstab
gemessen,  wäre  das  von  Deutschland  gewünschte
Kiwugebiet,  dessen  Größe  der  König  auf  rund
8000  akm  annahms),  etwa  17  Millionen  Mark

*)  Nach  planimetrischen  Messungen  betrug  das
Gebict  westlich  des  30.  Meridians  und  der  geradlinigen
Grenze  im  Norden  des  Tanganjika,  soweit  es  durch
den  Vertrag  vom  10.  Mai  1910  deutsch  wurde,  9055  ukm.
Dafür  trat  Deutschland  an  England  in  Mpororo  ein
Gebiet  von  etwa  1525  ukm  ab.  Belgien  erhielt  für
die  Gebietsverluste,  die  es  im  Bereich  der  Vulkankette

 

wert  gewesen.  Am  Kongo  hatte  er  aber  bereits
Preise  von  etwa  100  Franken  für  den  Hektar  erzielt,
  trotz  der  Ungeeignetheit  des  Landes  für  eine
dauernde  Besiedelung  durch  Weiße.  Wieviel  mehr
mußten  nun  erst  die  Gebiete  am  Kiwu  wert  sein,
die  sich  seiner  phantastischen  Meinung  nach  ihrer
Höhenlage  wegen  sicher  für  die  Ansiedelung  belgischer
  Ackerbauer  eignen  würden.  Er  kam  bei
seiner  Berechnung  des  Wertes  des  Kiwugebictes
auf  mindestens  80  Millionen  Mark,  ein  Preis,
von  dem  er  sich  selbst  sagte,  daß  ihn  der  Deutsche
Reichstag  nie  bewilligen  würde.“)

Eine  im  Lauf  der  Verhandlungen  vom  König
vorgeschlagene  territoriale  Entschädigung  in  Gestalt
der  Überlassung  eines  Landstreifens  längs  der
deutsch--englischen  Ugandagrenze  bis  zum  Victoria-See
  behufs  Erbauung  einer  Eisenbahn  sowie  des
Gebietes  um  Bukoba  war  schon  deshalb  unmöglich,
  weil  gegen  eine  solche  voraussichtlich  England
aus  den  gleichen  Gründen  und  mit  derselben
Berechtigung  Einspruch  erhoben  haben  würde,
wie  Deutschland  dies  1894  gegen  die  geplante
pachtweise  Überlassung  eines  Landstreifens  vom
Tanganjika=  zum  Edward-See  durch  den  Kongostaat
  an  England  getan  hatte.  Die  vom  König
bei  anderen  Gelegenheiten,  zuletzt  noch  bei  der
Entsendung  des  Barons  Joostens  an  den  Fürsten
von  Bülow  im  Sommer  1906  gewünschte  politische
  Unterstützung  der  von  ihm  geplanten  Landerwerbungen
  im  südlichsten  Marokko,  oder  in
Kleinasien,  oder  bei  der  Erwerbung  eines  ähnlichen
  Pachtgebietes  wie  das  deutsche  Kiautschon
in  China  für  Belgien,  war  nach  der  allgemeinen
Weltlage  seitens  Deutschlands  ausgeschlossen.

Jedem  Gebietsaustausch  im  Bereich  der  deutschkongolesischen
  Grenzen  aber,  so  gern  ihn  Deutschland
  bewilligt  haben  würde,  um  der  Frage  ein
Ende  zu  machen,  standen  die  so  scharf  ausgeprägten
  topographischen  Verhältnisse  im  Grenzgebiet
  sowie  die  Geschlossenheit  der  dort  wohnenden
großen  Volksstämme  absolut  hinderlich  im  Wege.

Am  8.  März  1901  hielt  es  England  für  angemessen,
  in  einer  fast  drohenden  Note  Deutschland
seine  auf  dem  Vertrag  vom  1.  Juli  1890  beruhenden
  Rechte  auf  den  „Mumbiro“  bei  etwaigen
Grenzverhandlungen  mit  dem  Kongostaat  in  Erinnerung
  zu  bringen.  Am  26.  Januar  1202  machte

und  des  Edward-Sees  westlich  vom  30.  Meridian  erlitt,
  Ersatz  in  Gestalt  des  ganzen  Westufers  des  Albert
Sces  von  der  Mündung  des  Semliki  im  Süden  bis
nach  Mahagi  im  Norden  des  Sees.

*)  Aus  dieser  Aufgeichnung  geht  übrigens  nebenbei
hervor,  daß  der  König  in  seinen  nimmer  rastenden
Plänen  sich  damals  auch  mit  dem  Gedanken  getragen
hat,  die  Karolinen  von  Spanien  zu  erwerben,  daß  er
aber  von  dieser  Absicht  Abstand  nahm,  um  nicht  die
deutschen  Pläue  auf  diese  Inseln  zu  stören  und  sich
dadurch  den  Zorn  des  Reiches  zuzuziehen.