Russische Einwände gegen die Annexionen. Schwanken Wilbelms I. 131
gebenen Formulierung gehalten. Wir hätten vorgezogen, Unterhaltung und Abschluß gemeinschaftlich
in Prag zu bewirken; unter den gegenwärtigen Umständen aber würden
wir zu viel Zeit verloren haben, wenn wir darauf hätten bestehen wollen. Wir erwarten
noch die Außerung Österreichs über die vorgeschlagene Fassung.
*571. Telegramm an den Generaladjutanten Generalleutnant
Freiherrn von Manteuffel, z. Zt. in Petersburg.
(Konzept nach Diktat Bismarcks.)
Am 14. August traf in Berlin ein Schreiben Kaiser Alexanders II. an König Wilhelm I.
vom 12. ein, begleitet von einem ausführlichen Immediatbericht und einem für Bismarck bestimmten
Privatbriefe General v. Manteuffels. Das Schreiben des Kaisers entwickelte noch
einmal in aller Ausführlichkeit dessen Bedenken gegen die Entthronung ganzer Fürstenhäuser
und seine Besorgnisse vor einem deutschen Parlament, in dem er einen Vorläufer der Revolution
erblicken wollte. Eindringlich mahnte das Schreiben des Kaisers zur Mäßigung, doch
ließ es keinen Zweifel daran, daß auch ein Beharren Wilhelms I. bei den gefaßten Beschlüssen
nichts an dem freundschaftlichen Verhältnisse der beiderseitigen Höfe und Regierungen
ändern solle. In seinem charatkteristischen Briefe an Bismarck unterstrich Manteuffel,
daß das letztere das Wesentliche sei, obgleich ihm selbst die Annexionen, vor allem die Hannovers,
unsympathisch waren. Es hieß in dem Briefe, der übrigens im Gegensatz zu den bisherigen
Meldungen Manteuffels, wonach Rußland fürs erste weder Galizien noch die Aufhebung
der Bedingungen des Pariser Friedens wünschte, hervorhob, daß sowohl Kaiser
Alexander wie Gortschakow in beiden Punkten höchlich interessiert seien, u. a.: „Der Brief
enthält viel Doktrin, aber das Wesentliche ist, daß Rußland in gutem Verhältnis bleibt,
wir mögen tun, was wir wollen. Ich würde über die Doktrin nicht streiten in der Antwort,
sondern bloß das Wesentliche dankbar akzeptieren. Wenn in Bezug auf die Dynastien in formaler
Beziehung, ohne daß das Wesen unserer Macht leidet, Rückisicht auf die Ansichten des
Kaisers zu nehmen möglich ist, so halte ich das für gut, nicht nur, weil es meinem Prinzip
entspricht, sondern auch weil ich es politisch für wichtig und richtig halte. Außerdem möchte
ich wahrhaftig nicht, daß mein König unter Bismarcks Rat täte, was selbst der Hohenstaufe
nicht getan, sondern nur gewollt. Es paßt für beide Namen nicht in die Geschichte. Den
Welfen dürfen Sie wahrhaftig nicht gan: tot machen.“
Es ist für Bismarck wie für den König gleich bezeichnend, wie sie auf die Sendung
Manteuffels vom 11./12. reagierten. Bismarck begnügte sich damit, den Passus des Manteuffelschen
Briefes anzustreichen, daß es gelte, das Wesentliche in dem Briefe des Kaisers
dankbar zu akzeptieren. Dem König aber machten die doktrinären Ausführungen seines
kaiserlichen Verwandten solchen Eindruck, daß er am liebsten alles bereits Errungene wieder
halbwegs aufgegeben und die Vollannexion mit Teilannexion vertauscht hätte. Unter dem
frischen Eindruck des Zarenbriefes schrieb er am 14. an Bismarck:
„Hierbei die Papiere aus Petersburg. .
Die Dynastischen und Annexionsbedenken stimmen überein mit unseren ersten Ansichten,
bis wohin wir uns hätten handeln lassen, wenn Frankreich und Österreich nicht sofort die
große Annexion zugestanden hätten. Und ich glaube, wir sollten diesen unsern ersten Gedanken
über Erhaltung der Dynastien in kleinen Teilen ihrer Länder wieder aufnehmen.
Also:
1) König von Hannover abdiziert zugunsten des Kronprinzen. Der behält die Stadt
Hannover und einen Landstrich von Riepe, (nordwestlichste Spitze Braunschweigs) gemeint ist
wohl Rüper bei Peine) nach Celle, was bei Hannover bleibt, nach Wunstorff und zurück über
Springe (Hildesheim ausschließend) nach Lafferde (Braunschweigische Grenze). Dazu die Anwartschaft
auf Braunschweig, — das Ganze als Großherzog von Hannover.
2) Kurfürfst abdiziert, und sein Kleinneffe wird unter Preußischer Vormundschaft Großherzog
von Fulda und Hanau.
3) Großherzogtum Hessen tritt mit Oberhesen zum Nordbund, cediert an Preußen
Mainz, Bingen (Kreuznach), Oppenheim; cediert Alzay an Bayern und Worms an Baden und
erhält dagegen von diesem einen Teil der Nordostecke des Großherzogtums Baden; den andern
Teil erhält Bayern.
4) Nassau wird annektiert und behält viele Domainen.“
Diesen seinen Standpunkt hat König Wilhelm I. auch in einem Ministerkonseil vom
15. nachdrücklich vertreten, er stieß jedoch auf den geschlossenen Widerspruch Bismarcks, der
vor allem gegen den unmöglichen Gedanken einer willkürlichen Zerreißung Hannovers
wandte, und sämtlicher anderer Minister, ebenso des Kronprinzen, der auf das entschiedenste die
unbedingte und vollständige Annektierung ohne alle Entschädigung verlangte und sie geradezu
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