Die Huldigungen. 619
lose Hingabe an die Sache des Staates bekundeten, übersah man, daß eine eigentliche
politische Zusage in den Reden doch nicht gegeben war. „Gott segne unser
teures Vaterland!“ — so rief der König unter freiem Hümnmel in Königsberg, —
„Sein Zustand ist von altersher oft beneidet, oft vergebens erstrebt. Bei uns
ist Einheit an Haupt und Gliedern, an Fürst und Volk, im Großen und Ganzen,
herrliche Einheit des Strebens aller Stände gach Einem Ziel, nach dem allgemeinen
Wohl, in heiliger Treue und wahrer Ehre. Aus diesem Geiste auen
unsere Wahrhaftigkeit, die ohnegleichen ist. So wolle Gott unser preußisches Volk
sich selbst, Deutschland und der Welt erhalten, mannigfach und doch Eins, wie
das edle Erz, das, aus vielen Metallen zusammengeschmolzen, nur ein einziges
edles ist, keinem andern Roste unterworfen, als dem verschönernden der Jahrhunderte".
Und wieder in Berlin, wo sich die Stände aller zum deutschen Bunde
gehörigen Provinzen zur Huldigung einfanden, sprach der König unter freiem
Himmel bei regnerisch trübem Wetter: „Ich will vor allem dahin trachten, dem
Vaterland die Stelle zu sichern, auf welche es die götkliche Vorsehung durch eine
Geschichte ohne Beispiel erhoben hat, auf welcher Preußen zum Schild geworden
ist für die Sicherheit und Ruhe Deutschlands. In allen Stücken will ich so
regieren, daß man in mir den echten Sohn des unvergeßlichen Vaters, der unvergeßlichen
Mutter erkennen soll. Aber die Wege der Könige sind thränenreich,
wenn Herz und Geist ihrer Völker ihnen nicht hilfreich zur Hand gehen“. Darum
richte er, in der Begeisterung seiner Liebe zu seinem herrlichen Vaterlande, zu
seinem in Waffen, in Freiheit und Gehorsam geborenen Volke die ernste Frage
an Ritter, Bürger, Landleute, an alle, die seine Stimme vernehmen könnten, ob
sie mit Herz und Geist, mit Wort und That und ganzem Streben, in der heiligen
Treue der Deutschen, in der heiligeren Liebe der Christen ihm helfen und beistehen
wollten, Preußen zu erhalten, wie es sei und bleiben müsse, wenn es nicht
untergehen solle? Ob sie ihm helfen wollten, die Eigenschaften, durch welche
Preußen den Großmächten der Erde beigesellt sei, Ehre, Treue, Streben nach
Licht und Wahrheit, Vorwärtsschreiten in Altersweisheit zugleich und heldenmütiger
Jugendkraft immer herrlicher zu entfalten? Ein vielstimmiges „Ja“ ertönte auf
des Königs Frage, und dies Ja nahm der König in gehobener Rede als sein
eigen an, das ihn mit dem Volke in gegenseitiger Liebe und Treue verbinde, das
Mut, Kraft und Trost gebe, das er in seiner Sterbestunde nicht vergessen werde.
ge Töne des Herzens waren angeschlagen, trafen die verwandten Saiten
in den Seelen der Hörer, und lauten Widerhall hatten namentlich die Vorgänge
in Königsberg gefunden. Nur wenige bedachtsame Köpfe blickten tiefer und mußten
bei dem allen, wie jener alte General immer wieder an den Zauberlehrling denken.
Auch flaute die Begeisterung schon bei den Berliner Vorgängen etwas ab. Denn
inzwischen hatte der König auf die fast einmütig gestellte Bitte der preußischen
Stände um die Ausarbeitung einer schrifklichen Verfassungsurkunde eine Antwort
gegeben, in welcher man die Verheißung auf eine solche hatte erkennen wollen.
Dies war aber keineswegs der Wille des Königs, und er hatte daher am 4. Oktober
eine Kabinettsordre an den Minister von Rochow ausdrücklich in der Absicht
veröffentlichen lassen, „um jeder irrigen Ansicht entgegenzutreten, als ob der
König durch den Landtagsabschied seine Zustimmung zu dem in der ständischen
Denkschrift enthaltenen Antrage auf Entwickelung der Landesverfassung im Sinn
der Verordnung vom 22. Mai 1815 ausgesprochen hätte“. Ebenso ablehnend