Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

VIII  VBorwort.

es  giebt  ausführliche  Gesangschulen,  Leitfäden  für  die  Kunst
fingen  zu  lernen.  Ahnliches  fehlt  bisher  in  der  Kunst  des
Vortrags  gänzlich.  Dies  mag  zunächst  das  Erscheinen  gegenwärtigen
  Buches  rechtfertigen.

Allein  außer  diesem  Bedürfnis  giebt  es  noch  eine  andere
Rücksicht,  welche  eine  künstlerische  Behandlung  des  Sprechens,
des  Vortrags  gebietet.

Alle  Sprachen  verändern  sich  mit  der  Zeit.  Unmerklich
treten  diese  Veränderungen  im  Laufe  von  Jahrzehnten  ein.
Welch  ein  Unterschied  ist  zwischen  dem  Althochdeutschen  und
unsrer  heutigen  Sprache!

Diese  Veränderungen  haben  ihre  gute,  haben  ihre  nachteilige
  Seite.

Die  gute  Seite  besteht  im  Zunehmen  der  Beweglichkeit  und
Ausdrucksfähigkeit,  im  Zunehmen  der  Wörterfülle  der  Sprache.

Die  Schattenseite  besteht,  was  den  Stil  betrifft,  darin,  daß
oft  aus  fremden  Sprachen  Wendungen  entlehnt  werden,  die  dem
ureignen  Geiste  der  Sprache  zuwider  sind,  namentlich  in  Übersetzungen.
  Eine  andere  Schattenseite  aber  ist  das  fortwährende
Abnehmen  an  Wohlklang.  Die  Sprachen  schleifen  sich
im  Laufe  der  Zeit  ab?).

So  sind  im  Deutschen  die  früheren  volltönenden  Endungen
schon  sämtlich  in  die  schlechtbetonten  Endsilben  auf  „en“  abgeschliffen
  worden.  Daß  der  Wohlklang  dabei  nicht  gewonnen
hat  versteht  sich  von  selbst.  Dieses  durch  Jahrhunderte  langsam
und  unbewußt  fortschreitende  Abschleifen  hat  indessen  in  allen
Sprachen  einen  Haltpunkt,  wo  es  eine  Zeitlang  stehen  bleibt.
Das  ist  die  Zeit  der  höchsten  Blüte  der  Litteratur  eines  Volkes.

*)  Als  Beifspiel  dienen  das  Französische  und  Englische,  wo  durch  dieses
Abschleisen  die  Orthographie  mit  der  Aussprache  in  den  lächerlichsten  Widerspruch
  geraten  ist.